Haben Menschen ein natürliches Gefühl für Fairness? (Andreas von Westphalen, Telepolis) #Fairness #Gerechtigkeit #Gesellschaft #unten #oben #Kinder #Evolution #Ubuntu

In unserer Reihe mit empfohlenen Beiträgen anderer Autor_innen befassen wir uns mehr, als das derzeit mit eigenen Artikeln möglich ist, mit Grundfragen der Gesellschaf und heute wieder, wie schon im letzten Beitrag verstärkt mit sozialer Gerechtigkeit.  

Bereits vor einigen Wochen erschien bei Telepolis ein Beitrag von Andreas von Westphalen, den wir sehr interessant fanden. Im Telepolis-Artikel wird wiederum auf ein Buch des Autors verwiesen. Die Kernbotschaft: Von Kindesbeinen an haben wir ein natürliches Gefühl für Gerechtigkeit, dafür führt von Westphalen viele Studien an und wir können sozusagen aufatmen: Wer VWL markttheoretisch lernen musste, weil andere Modelle gar nicht besprochen wurden, erfährt, dass der Mensch eben kein „Homo economicus“ ist, der sich rein nach dem Prinzip der persönlichen Profitmaximierung verhält. Er hat seinen Stolz und er sieht auch andere und beides verhindert grundsätzlich eine nur am maximalen Gewinn ausgerichtete Denkweise.

Grundsätzlich. Aber wie ist es, wenn ein Gesellschaftssystem installiert ist, in dem Menschen von Kindesbeinen an auf Konkurrenz getrimmt, ihre sozialen Begabungen hingegen konsequent unterdrückt werden? Dann kommt das heraus, was wir im Moment wieder sehen: Klassenkampf, aber geführt von oben, weil die Menschen, die diesen Klassenkampf von oben führen, so enthemmt sind, so einseitig ausgerichtet, dass ihnen jedes Gefühl für andere Menschen abhanden gekommen ist.

Im Grunde sind dies traurige Existenzen, aber da sie auf die übrige Bevölkerung dank eines Fehlanreize setzenden Systems enormen Einfluss ausüben, können wir es nicht bei dieser Feststellung belassen: Sie sind auch hoch gefährlich. Kampfmaschinen des freidrehenden Finanzkapitalismus, für deren Entwicklung  zu solchen Maschinen sie, wenn man es kausal betrachtet, nichts können und dringend einer fundierten Therapie bedürfen, damit sie ihre sozialen Fähigkeiten wiederentdecken können. Sie sind auch unsere Gegner und ein System, das sie gegenüber sozial eingestellten Menschen privilegiert, dürfen wir nicht unterstützen.

Denn wir sehen die Anreize, die jenes System setzt, als Fehlanreize und das Primat einer hochkapitalistischen Ökonomie als bedenklich an. Es ist eine Ökonomie, die durchsetzt, dass diejenigen als abweichend angesehen werden, die sich anderen zuwenden können und außerdem Gedanken darüber machen, ob dieses System auf unserem kleinen Planeten noch lange funktionieren kann und warum es immer mehr Menschen hilflos zurücklässt und wieso es möglich ist, dass Gewinne privatisiert und soziale Folgekosten auf die Gemeinschaft abgewälzt werden; mithin, warum eine kleine Minderheit über die Mehrheit so eindeutig dominieren kann.

„Lange Zeit ging man davon aus, dass Kinder erst im Alter von sechs oder sieben Jahren infolge der Erziehung ein Gefühl für Gerechtigkeit entwickeln. Tatsächlich zeigen aber eine Reihe neuerer Experimente, dass klare Anzeichen von fairem Verhalten deutlich früher auftreten“, so beginnt der Artikel, den wir heute empfehlen.

Durch diese Betrachtung entsteht ein Paradigmenwechsel, der Kinder nicht als leere Gefäße ansieht, die man mit jedem Erziehungsmodell füllen kann, ohne dass dabei innere Konflikte mit bereits vorhandenen Anlagen entstehen. Das weist auch darauf hin, dass wir durchaus genetische Prädispositionen charakterlicher Natur haben. Wir denken bei dieser Vorstellung an einen Bekannten, der als Biogenetiker in den USA forscht und uns, stark verkürzt wiedergegeben, erklärt hat, dass die Gene Erfahrungen der Vorgenerationen transportieren, diese sind also im Startpaket enthalten. Mit allen negativen Konsequenzen, die das haben kann, wenn Familiensystem repressiv und dysfunktional sind, aber nicht so sehr alles bestimmend, dass Erziehung keinen Einfluss hätte, dass man nichts zum Guten wenden könnte. Es kommt immer etwas Neues hinzu und man kann gegensteuern. Wenn dieses Modell stimmt, dann ist allerdings die einseitige ökonomische Ausrichtung eine Gefahr auch für künftig Generationen, ohne sie erst durch Erziehung dieser Generationen installiert werden muss – weil sie sich bis zu einem gewissen Grad vererbt. Wir können dann nicht einfach mit unseren eigenen Kindern von vorne anfangen, weil wir uns mühsam und erfolgreich gegen die eigene Konditionierung gewehrt haben, vielleicht einen Cut in unserem Leben hinbekommen haben.

Uns wäre es lieber, es gäbe diesen Eigenschaften-Transport, der sozusagen an die Gene andockt, nicht, angesichts dessen, was wir in der Welt beobachten, denn wir haben nicht weitere Generationen Zeit für den Reparaturbetrieb. Die Evolution als ein Pool, der eine Auswahl bietet, das würde uns besser gefallen. Der Mensch musste sich, um zu werden, wie er ist, mit anderen zusammentun, und das nicht nur, um seinen eigenen Profit zu mehren („Der wahre Egoist kooperiert“, diesen Satz unsere Lieblings-VWL-Professors haben wir noch gut im Kopf), sondern um tatsächlich sozial eingebunden zu sein, was man wieder als Eigennutz deuten kann – und um anderen eine Freude zu machen. Auch das lächelnde Gesicht, das wir verursacht haben, ist eine Bestätigung für uns selbst: Wir haben nach unseren Maßstäben, denen der Guten, alles richtig gemacht.

Wie auch immer man es deutet, es ist besser, als wenn Menschen sich an den Qualen anderer delektieren, und das kommt leider häufig vor. Wenn das Wort, das uns immer dafür einfällt, nicht nach der NS-Zeit mit einem Bann belegt wäre, würden wir es hier in einem ganz anders gemeinten Sinn verwenden. Wir können es aber auch entsozialisiert nennen.

Diese Gesellschaftsordnung fördert die Entsozialisierung eines jeden. Wir haben gerade gestern wieder in einem Blog ein paar Zeilen gelesen, dessen Betreiber glaubt, eine gewisse Stufe von Wissenschaftlichkeit berechtige zu jeder Arschloch-Ansicht. Aus methodischen Gründen und weil wir nicht zu blasenhaft orientiert sein wollen, ziehen wir uns dieses Geifern immer mal wieder rein wie einen schlechten Joint, aber danach ist es auch für eine Zeit wieder gut. Mit denen, die Einfluss durch Bösartigkeit erlangt haben, müssen wir uns aber auseinandersetzen und dürfen sie nicht schonen, denn sie sind vielleicht Opfer ihrer Systeme und der ihrer Vorfahren, aber in Relation zu uns sind sie Täter.

Es ist im Grunde kurios, dass Studien uns erst wieder zeigen müssen, was selbstverständlich sein sollte: Dass Kinder das Gute noch in sich tragen und damit die Hoffnung. Dabei ist dies alles doch bekannt:

„Ubuntu, ausgesprochen [ùɓúntú], bezeichnet eine afrikanische Lebensphilosophie, die im alltäglichen Leben aus afrikanischen Überlieferungen heraus praktiziert wird. Das Wort Ubuntu kommt aus den Bantusprachen der Zulu und der Xhosa und bedeutet in etwa „Menschlichkeit“, „Nächstenliebe“ und „Gemeinsinn“ sowie die Erfahrung und das Bewusstsein, dass man selbst Teil eines Ganzen ist.

Damit wird eine Grundhaltung bezeichnet, die sich vor allem auf wechselseitigen Respekt und Anerkennung, Achtung der Menschenwürde und das Bestreben nach einer harmonischen und friedlichen Gesellschaft stützt, aber auch auf den Glauben an ein „universelles Band des Teilens, das alles Menschliche verbindet“. Die eigene Persönlichkeit und die Gemeinschaft stehen in der Ubuntu-Philosophie in enger Beziehung zueinander.“ (Wikipedia)

Linux hat diesen Begriff dann verwendet, um die unkommerzielle, die Open-Source-Eigenschaft seines Betriebssystems zu betonen.

Wir Europäer mit unserer Aggressivität, die heute die Welt beherrscht, auch durch die ausgewanderten Europäer in den USA, versuchen, Ubuntu zu zerstören, nichts anderes taten die Kolonialisten und nichts anderes tut die EU mit ihren immer noch auf Überlegenheit basierenden, demnach einseitigen  Handelsabkommen, die regionale Strukturen in Afrika vernichten und Menschen heimatlos machen. Andere Mitspieler wie China haben zwar keine anderen Ziele, aber sie sind in der Lage, Ubuntu aufgrund ihrer eigenen, mehr auf Gemeinschaftlichkeit ausgerichteten Philosophie besser für ihre Zwecke zu nutzen, sie verstehen andere besser, weil sie bessere Beobachter sind als die von den Wurzeln der Menschlichkeit abgespaltenen Weißen.

Nur eine für den Globus verlustreiche technische Vorherrschaft Europas und Nordamerikas konnte dazu führen, dass das Soziale geopfert wurde: Der Fortschritt heilt jede soziale Schieflage und rechtfertigt jede unsoziale Verhaltensweise. Der Fortschritt, technisch begriffen, legitimiert alles. Keine Frage, dass eine sozialere Gesellschaft, vom heutigen Niveau es technisch maximal Möglichen aus gedacht, auch die eine oder andere Unbequemlichkeit mit sich bringt und es ist sehr schwierig, sich diese Unbequemlichkeiten aus Einsicht selbst aufzuerlegen, wenn es doch mithilfe technischer Mittel machbar ist, sich sozial in die  Hängematte zu legen. Die Faulen sind in Wahrheit aber die Systemaffinen, darunter auch diejenigen, die glauben, man bekäme eine saubere Umwelt und gutes Klima, ohne sich persönlich umstellen zu müssen. Manche  Umstellung wird es jedoch erst ermöglichen, auf andere wieder zuzugehen und fair ihnen gegenüber zu sein.

Wir sehen allerdings ein Problem, das in Studien wie den benannten nicht behandelt wurde oder behandelt werden kann: Die Evolution hat auch ein unangenehmes Erbe in uns gepflanzt, das durch Familienroutinen sicher verstärkt wird: Den Tribalismus, der früher die eigene Sippe als Gefahrengemeinschaft abgesichert hat, der aber im globalen Maßstab heute zu einer Summe von Abgrenzungswünschen führt, von denen niemand komplett frei ist. Irgendetwas, warum er sich für besser hält als andere oder worin er sich für besser hält und einige, mit denen er grundsätzlich nichts zu tun haben möchte, kennt jeder. Das ist sicher nicht Ubuntu, sondern das Erbe von Eigenschaften, die sich bei uns weit entwickelt haben und angesichts deren Verbreitung Inklusion erst erarbeitet werden muss.

Religionen oder Nationen, deren Angehörige sich für auserwählt oder von wem auch immer begünstigt halten, sind ein Problem für den Rest der Welt, daran führt nichts vorbei. Wir Europäer sind da lange Zeit ganz vorne gewesen, jetzt können wir sehen, was wir angerichtet haben, weil andere sich, um uns etwas entgegenzusetzen, Werte leben und propagieren, die nicht nur für uns problematisch sind, sondern auch für den globalen Zusammenhalt und die gesellschaftliche Progression, die wir dringend brauchen. Das Gerechtigkeitsgefühl von Kindern lässt sich leider instrumentalisieren, um der eigenen Community Vorteile zu verschaffen: Man sagt ihnen, man indoktriniert sie täglich dahingehend, Gerechtigkeit habe einen hohen, sehr hohen Stellenwert, aber nur gegenüber den Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft. Es stellt eine geschickte Perversion von Ubuntu dar, die sozialen Fähigkeiten auf ihre Entwicklung nur für Gleiche, ihre Ausübung nur unter Gleichen zu begrenzen und zeigt dramatische Folgen in vielen Kriegen, die immer noch geführt werden.

Die Gemeinschaft des eigenen Volkes oder der eigenen Religion oder Konfession oder politischen Strömung wird gegen jene ausgerichtet, die der Gemeinschaft nicht angehören. Das Stammesdenken oder der Alleinwahrheitsanspruch einer ideologisch-religiösen Gruppe verhindert ein Gerechtigkeitsdenken, das alle einschließt. Wir haben also nicht nur die wirtschaftlich-soziale Ungerechtigkeit innerhalb einer Gesellschaft, das immer bedrückendere „Oben und „Unten“, sondern auch einen Mangel an Gerechtigkeitsdenken anderen Gesellschaften gegenüber. Der Kapitalismus funktioniert genau unter diesen beiden Voraussetzungen und gedeiht – bis er daran scheitert, dass die Evolution sich irrte, die uns dieses Denken offenbar mitgab. Es sei denn, man geht davon aus, dass die Evolution eingeplant hat, dass eine Spezies, die den Planeten zu sehr dominiert und ausbeutet, sich selbst vernichten wird und neue Arten entstehen, die es vielleicht besser machen können. Falls nicht: Bis eine neue Spezies sich über die anderen erhebt und wieder das Gleichgewicht der Natur zerstört, wird die Erde viele Millionen Jahre Zeit haben, um sich vom Homo sapiens zu erholen, der sich selbst zum Homo oeconomicus umgedeutet hat.

Um dieses Szenario abzuwenden, gibt es einen Weg: Das natürliche Gerechtigkeitsgefühl von Kindern in einem anderen Sinn zu fördern – als Verständnis fürs tatsächliche Ganze und die gleichen Rechte für alle. Kinder, die so werden dürfen, sind den weiterhin tätigen Aggressoren nicht hilflos ausgeliefert, wie sicher viele Eltern befürchten, die meinen, es sei zum Selbstschutz notwendig, Kindern das Konkurrenzdenken beizubringen, sie so aggressiv wie möglich zu machen. Denn freiere, gerechtere Menschen werden die Nähe zu Gleichgesinnten suchen und mit ihnen am wirklichen, sozialen Fortschritt arbeiten. Je mehr Menschen es gibt, die das können, desto weniger Macht haben die Mächtigen.

Kommentar 2xx

EBA 22

Kritisch schauen und immer wieder Beiträge außerhalb des Mainstreams und vor allem jenseits unserer aktuellen Zentralthemen lesen, über die wir selbst schreiben – das ist eine Aufgabe, die der Wahlberliner sich gestellt hat. 

Wir empfehlen. Manchmal kommentieren wir die Empfehlungen auch oder versuchen, die darin geäußerten Gedanken weiterzuführen. Unsere bisherigen Beiträge der Serie „Jeden Tag ein Blick nach draußen“: 

2 Kommentare

  1. Ein sehr schöner Beitrag, allerdings ist es mit der Gerechtigkeit schwierig. Ich bin tatsächlich so erzogen, dass ich nicht eine von denen bin, sondern die da. Ich mache mir selbst Gedanken und habe entsprechend hohe Ansprüche an mich und an andere. Das ist auf Dauer sehr anstrengend und es ich fühle mich ständig unpassend in dem System. Es ist schwierig sich davon nicht runterziehen zu lassen und weiterhin an Utopien zu glauben oder sich damit zumindest zu beschäftigen.

    Gefällt 1 Person

    1. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich denke auch sehr in Gerechtigkeitskategorien, deswegen fällt das Schreiben über die meisten Vorgänge, die man real sieht, nicht leicht, weil es fast immer ungerecht zugeht. Eine ganz wichtige Frage: Stellt man sich dann so, dass man sagt, diesem oder jenem Menschen wurde geholfen, das ist super, oder sagt man: Wieso anderen nicht, die in ähnlicher Lage sind und es genauso verdient hätten?

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