Wasserstoff als politisch verfemter Energiespender (Marcus Klöckner interviewt Timm Koch, Nachdenkseiten) #Klimawandel #EMobilität #Elektroautos #Tesla #ArneMüller

Wir dachten, wenn wir schon dabei sind, bleiben wir noch am Thema Energiegewinnung und Mobilität dran. Nach „Warum Tesla die Welt nicht retten wird“ und „Elektromobilität hat blutige Hände“ kommen wir heute zum Wasserstoff und in welcher Form er helfen könnte, die Krise sauberer Energie zu beheben.

Die Idee, hier weiterzumachen, kam uns schon vor dem gegenwärtigen großen Stromausfall in Südamerika, aber irgendwie passt das nicht so schlecht. Wir hoffen auch, dass die eine oder andere Leserin, die sich naturwissenschaftlich mit den Themen auseinandersetzt, uns auch hier einen kleinen Kommentar schreiben wird. Nach dem Lithium und dem Fluor kommen wir also zum Wasserstoff. Wir erinnern uns: Schon in den 1970ern wurde in Deutschland am Brennstoffzellen-Auto geforscht – und wie ist es heute mit der einstigen Technologieführerschaft?

Wir müssen allerdings ein bisschen ausholen. Wir haben zum Beispiel den Titel geändert. „Wir werden verarscht, was das Zeug hält“ ist zwar in etwa das, was die Nachdenkseiten uns generell suggerieren wollen, aber war uns für diesen Empfehlungszweck doch etwas zu unspezifisch.

Für einen naturwissenschaftlich begründeten Beitrag ist dieses Interview allerdings auch wieder sehr politisch. Wir finden es gut, dass in den Nachdenkseiten vermehrt Autor_innen zu Wort kommen, die nicht Albrecht Müller oder Jens Berger heißen, denn der aus Enttäuschung über die SPD un ihre Entwicklung seit 1973 scharfgestellte Hund und sein etwas softerer journalistischer Ziehsohn können mit ihrer Schreibe, wenn man sie in zu hohen Dosen genießt, Depressionen oder massive Ängste vor den eigenen Nachbarn und deren Infiltration durch die CIA verursachen. Diese Überdosis vermeidet man durch einen simplen Trick: Man liest etwas mit ähnlicher Tendenz, aber von anderen Verfasser_innen.

Allerdings äußert sich Timm Koch in seinem sehr instruktiven Wasserstoff-Beitrag gegen Nordstream 2. Das wäre Müller sicher nicht passiert. Es ist aber tatsächlich so, dass die Wirtschaftlichkeit dieses russisch-deutschen Prestigeprojekts von vielen in Zweifel gezogen wird. Er  hat aber auch einen Trost für die Länder, deren Wirtschaftsweise auf den Vertrieb fossiler Brennstoffe ausgerichtet ist: Die riesigen russischen Flüsse und die viele Sonne auf der arabischen Halbinsel könnten erheblich dazu beitragen, dass diese Länder im Wasserstoff-Zeitalter nicht verarmen, weil wir hier den Bedarf wohl nie ganz selbst werden decken können. Deutschland würde also vom Strom-Nettoexporteur, wie derzeit, zum Importeur. Nur, warum die Sonnenenergie nicht aus Afrika beziehen, anstatt aus einem Land, das politisch zu den schwierigsten Kandidaten auf diesem Globus zählt und ohnehin hierzulande einen viel zu großen Einfluss ausübt?

Das sind aber Randfelder, dass wir nicht glauben, das Wasserstoff-Brennzellen-Auto sei die finale Lösung.

Wir haben anhand der vorausgehenden Beiträge erläutert, dass wir die Individualmotorisierung auch aus Gründen, die nichts mit der Energie für deren Betrieb oder mit dem Energieverbrauch für die Herstellung der Energiespeicher für deren Betrieb zu tun haben, für ökologisch niemals säuberbar halten.

Das muss man wissen, wenn man darauf abzielt, lediglich einen Energieträger durch einen anderen ersetzen und ansonsten alles so lassen möchte, wie es ist – inklusive Flächenverbrauch im Stand und in Fahrt, nerviger Staus, die in den üblichen Städten, mittlerweile aber auch in weiten Teilen Berlins, den Begriff individuelle Mobilität ad absurdum führen, enormem Rohstoffverbrauch für das gesamte Produkt inklusive Wartung und Reparatur und den Unfallfolgekosten.

Energie ist ein zentraler Aspekt, aber nicht der einzige, unter dem man die Mobilität der Zukunft betrachten sollte. Und darüber hinaus: Das Versprechen, alle Bequemlichkeiten zu erhalten, welche uns bisher die fossile Energie beschert hat, wie Timm es ausdrückt, ist vielleicht klimatechnisch ein Schritt nach vorne, aber nicht die Ressourcen betreffend, die für den Massenkonsum benötigt werden.

Aber logisch: Wenn man alles rein von der Energie her betrachtet, geht es eben nur um den Energieträger, egal, ob er ein Auto oder eine Klimaanlage versorgt, also einen weiteren Energiefresser, der sich bei uns vermehrt in Privathäusern wiederfinden wird, wenn sich die Erderwärmung fortsetzt – und das wird sie erst einmal tun, auch wenn die Menschen plötzlich erleuchtet werden und innerhalb weniger Jahrzehnte ihr ganzes Dasein klimaneutral gestalten sollten. Der Trend zum klimatisierten Büro, das ein Mehrfaches an Strom wie eines ohne sommerliche Runterkühlung auf 20 oder 21 Grad benötigt, besteht bereits. Auch das Versprechen von Timm, den Flugverkehr ruhig weiter steigern zu können, wenn bloß die Atmosphäre durch Wasserstoffbetrieb geschont wird, kommt uns in einer jetzt schon von Billigtouristen überfluteten Stadt eher wie eine Drohung vor.

Man kann es auch kurz fassen: Die neoliberale Ideologie des ewigen Wachstums, die bereits zu massiven Allokationsproblemen führt und zum Beispiel die Immobilienpreise in lächerliche Höhen treibt, weil auf dem Produktionssektor vielfach kein Profit-Blumentopf mehr zu gewinnen ist – außer bei den benzin- und dieselgetriebenen Premium-Autos, die deswegen von der deutschen Industrie-Politik-Connection auch mit Zähnen und Klauen verteidigt werden – wird hier nicht kritisiert, deshalb tun wir es.

Bezüglich der Energiediskussion ist der Beitrag aber nützlich und die politische Schärfe würzt ihn.

TH

EBA 27

Kritisch schauen und immer wieder Beiträge außerhalb des Mainstreams und vor allem jenseits unserer aktuellen Zentralthemen lesen, über die wir selbst schreiben – das ist eine Aufgabe, die der Wahlberliner sich gestellt hat. 

Wir empfehlen. in der Regel kommentieren wir die Empfehlungen kurz oder versuchen, die darin geäußerten Gedanken weiterzuführen. Unsere bisherigen Beiträge der Serie „Jeden Tag ein Blick nach draußen“: 

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