Radikale Verkürzung der Arbeitszeit als Beitrag zum Klimaschutz (Tom Strohschneider, OXI) #OXI #Klimaschutz #Gesellschaft #Arbeitszeit #Lohnausgleich #Keynes #Klimaneutralität #FfF #Nachhaltigkeit #Verteilung #Gerechtigkeit

In unserer Reihe mit empfohlenen Beiträgen anderer Autor_innen kommen wir wieder stärker auf generelle Fragen des menschlichen Zusammenlebens und der ökonomischen Voraussetzungen, die wir derzeit vorfinden und wie wir sie ändern müssten, um uns auf diesem Planeten zu erhalten.

Tom Strohschneider hat sich auf „OXI“ eine Studie von Philipp Frey angeschaut und meint einleitend: „Sollen die Klimaschutz-Ziele noch erreicht werden, müssen radikale Lösungen gefunden werden. Philipp Frey plädiert für »eine beispiellose Verringerung der Wirtschaftstätigkeit«. Der Paul Lafargue entlehnte Gedanke von der »Notwendigkeit, faul zu sein«, erhält im Lichte der ökologischen Krise und der ökonomischen Gründe dafür eine ganz neue Relevanz.“  

In der aktuellen Klimadiskussion kommt laut Strohschneider die Lohnarbeit als Emissionsfaktor viel zu kurz und er legt dar, dass nach der zitierten Studie eine radikale Arbeitszeitverkürzung notwendig wäre, um klimaneutral zu wirtschaften. Im Grunde ist das banal: Wo keine Wirtschaftstätigkeit mehr herrscht, sinkt der Ausstoß von allem, auch von Treibhausgasen. Für Deutschland errechnet die Studie, dass alle ihre wöchentliche Arbeitszeit auf sechs Stunden reduzieren müssen, damit es mit dem Klima noch klappen kann – in Schweden wären es immerhin zwölf Stunden, Großbritannien, wo die Studie erstellt wurde, liegt mit neun Stunden dazwischen. Die Logik ist auch hier klar: Der hohe Kohleanteil an der deutschen Energiegewinnung und die im Vergleich zu anderen traditionellen EU-Ländern immer noch stark auf Warenproduktion ausgerichtete Volkswirtschaft verursachen viele Treibhausgase, auch die Verkehrsdichte ist die höchste im Europa.

Die Genügsamkeit, die erforderlich ist, um die Arbeitsleistung jährlich von derzeit ca. 1380 Stunden jährlich pro Erwerbsperson auf 310 Stunden, sieben Arbeitstage pro Woche, kein Urlaub, zu reduzieren, sehen wir in nächster Zeit leider nicht voraus, selbst wenn wir alles, was automatisierbar ist, automatisieren – und damit ja auch wieder mehr produzieren würden. Eine ökologisch nachhaltigere Produktion verursacht sogar Mehrarbeit, z. B., weil sich dadurch der Anteil des landwirtschaftlichen Sektors am BIP und an der geleisteten Arbeitszeit wieder deutlich erhöhen würde.

Auf einem guten Weg ist DIE LINKE, die das neue Normalarbeitsverhältnis mit 28  Stunden pro Woche definiert, bei vollem Lohnausgleich – was möglich wäre, wenn man die Superreichen endlich wieder von der Vermögensseite besteuern würde. Neu ist das alles ohnehin nicht: John Maynard Keynes hatte einmal die Reduzierung auf 15 Wochenstunden vorgeschlagen.

Bei sechs Arbeitsstunden pro Woche im Durchschnitt wird es nicht ohne eine Form des Grundeinkommens gehen, auch wenn wir bescheidener im Konsum werden, oder man setzt den Mindeststundenlohn sehr viel höher fest als derzeit. Eine Arbeitsstunde würde dann vielleicht nicht als lästige Pflicht, sondern als ein kostbarer Schatz empfunden. Aber was machen wir bloß mit den vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten, die gemäß dem linken Modell guter Arbeit ja eigentlich zu den zu vergütenden Arbeitsleistungen zählen müssten? Wir meinen, wenig klimawirksame, aber gesellschaftlich progressive und für das Gemeinwohl in irgendeiner Form sinnvolle Arbeiten sollten eher zusätzlich einbezogen werden, als dass man eine radikale Reduzierung auf sechs Arbeitsstunden pro Woche ins Auge fasst. Es handelt sich dabei auch nur um eine Berechnung, nicht um ein bald anwendbares Modell; diese Berechnung basiert darauf, dass 1 Prozent weniger Arbeit die Klimagase um 0,8 Prozent reduziert.

Strohschneider relativiert diesen Ansatz denn auch, weil es viele weitere Möglichkeiten neben der Arbeitszeitreduzierung gibt, um die schädlichen Emissionen zu verringern, die Berechnung von Frey bezieht sich also auf den Stand heute, bei dem Deutschland ziemlich schlecht aussieht, weil die hiesigen Arbeitsstunden sehr hohe Emissionen verursachen.

Gut gefallen hat uns das „nicht immer mehr, sondern immer besser“, das letztlich bloß eine Rückkehr zu hochwertigen Produkten bedeutet, die nicht so oft ausgetauscht werden. Es ist ein Skandal, dass der Handytausch alle zwei Jahre mittlerweile üblich geworden ist, wir haben deshalb unseren Vertrag mit demselben Gerät im Februar ohne Tausch verlängert. Wir haben schon 2011 vorgerechnet, was ein hochwertiger Laptop , der viele Jahre hält und höchstens softwaremäßig upgedatet werden müsste, an Vorteilen für die Nachhaltigkeit einbringen würde und diesen Beitrag hier vor einigen Monaten in überarbeiteter Form wieder gezeigt. Wir sind dabei von der Annahme ausgegangen, dass durchschnittliche Geräte nicht mehr ca. 600, sondern 1.500 Euro kosten, bei der Herstellung nur wenig mehr Ressourcen verbrauchen, aber mehr als doppelt so lange verwendet werden könnten.

Der zitierte Philipp Frey spricht vom mittlerweile häufig zitierten Green New Deal, der für Länder natürlich leichter umzusetzen ist, die nicht einen so massiven Abbau von Stellen im verarbeitenden Gewerbe vornehmen müssten wie Deutschland.

Hierzulande hängen beispielsweise über 800.000 Arbeitsplätze direkt von der Automobilindusrie ab, in Frankreich sind es nur ca. 250.000. Sekundäre Abhängigkeiten sind nicht eingerechnet, welche die Zahl wesentlich erhöhen würden. Mittlerweile gibt es auch auf diesem Sektor leider eine nicht geringe Anzahl von Leiharbeitenden, aber hinzu tritt trotzdem, dass es sich hierbei in der Regel um gut bezahlte Arbeitsplätze handelt, welche die gesamte Infrastruktur, auch steuerseitig, stützen.

Dass die deutsche Wirtschaftsweise aber nicht nur intensiv klimawirksam ist, sondern auch dazu führt, dass die Menschen hierzulande vermögensseitig immer weiter zurückfallen, lässt darauf schließen, dass etwas im Verteilungsprozess erheblich schiefläuft und die hochkapitalisierte Exportwirtschaft die Ungleichheit erheblich befördert. Mithin: Ist es für uns alle noch opportun, ein System zu verteidigen, dessen Qualitäten durchaus berechtigte positive Bezüge zur Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit zulassen – für die ohnehin schrumpfende Minderheit, die jene Arbeit ausführen darf -, das der Mehrzahl von uns aber immer weniger einbringt? Eine Wandlung hin zur Nachhaltigkeit lässt sich also auch im Sinn von mehr Verteilungsgerechtigkeit begründen. Es muss ohnehin unsere Aufgabe sein, das Soziale und die Umwelt als die Einheit darzustellen, die sie tatsächlich bilden.

Das Wirtschaftssystem muss diesen Aspekten untergeordnet werden, nicht umgekehrt alles am Wohlergehen des Großkapitals ausgerichtet werden – derzeit ist die Tendenz leider immer noch die falsche, wie wir nicht zuletzt am von uns häufig besprochenen Mietenwahnsinn feststellen können.

„Diese sei »keine rein tarifpolitische Aufgabe mehr, sondern ein gesamtgesellschaftliches Projekt«. Eine »faire Teilung der Arbeit trägt sowohl den Interessen der Beschäftigten, als auch der Arbeitslosen gleichermaßen Rechnung“, schreibt Strohschneider über die Ziele, die in Deutschland von ATTAC vertreten werden. Das sehen wir genauso, aber dann doch mit einem gewissen Schmunzeln: Was würden Menschen tun, käme dies alles zur Anwendung, die einfach gerne Dinge tun, die nach allgemeiner Definition als Arbeit gelten und die kein sinnerfülltes Leben mehr hätten, wenn sie sich dabei auf sechs Stunden pro Woche begrenzen müssten? Vielleicht sollte man tatsächlich nicht mehr so sehr in den bisherigen, klar abgegrenzten Strukturen von Erwerbsarbeit und sinnvoller Freizeitbeschäftigung denken.

Das tun wir hier auch nicht, sonst müssten wir uns Sorgen machen über das, was wir  gerade tun. Und diese Sorgen sind nicht unberechtigt: Die Nutzung der IT-Struktur und der Energie zum Publizieren ebenso wie zum Lesen sind nicht klimaneutral. In Relation zu nur eine Stunde lang Auto fahren oder gar einer Flugreise sind sie aber vertretbar und werden es hoffentlich bleiben.

TH

EBA 23

Kritisch schauen und immer wieder Beiträge außerhalb des Mainstreams und vor allem jenseits unserer aktuellen Zentralthemen lesen, über die wir selbst schreiben – das ist eine Aufgabe, die der Wahlberliner sich gestellt hat. 

Wir empfehlen. Manchmal kommentieren wir die Empfehlungen auch oder versuchen, die darin geäußerten Gedanken weiterzuführen. Unsere bisherigen Beiträge der Serie „Jeden Tag ein Blick nach draußen“: 

2 Kommentare

  1. Vollkommen unterstützungswert. Auch sollte eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit auch zu mehr Zufriedenheit und weniger psychischen Erkranungen führen. Gleichzeitig könnte sogar der Lohn steigen, weil Arbeitskräfte wieder knapper werden.

    Was der ganzen Utopie jedoch im Wege steht, sind unsere Überzeugungen, dass es doch ein zu großer Eingriff in den Markt wäre und auf lange Sicht den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährden könnte. Die Frage die sich nun stellt, ist ob wir für die Wirtschaft oder die Wirtschaft für uns da ist. Lassen wir uns nicht länger von Irrlichtern blenden!
    https://haimart.wordpress.com/2019/04/19/fuer-irrlichter-sich-ausbrennen-lassen/

    Gefällt 1 Person

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