Zimmer 13 (D / F 1964) #Filmfest 112 #EdgarWallace

Crimetime 112 A "Special Edgar Wallace" (20)

Wieder ein Schock am Ende – die Wahrheit über die Rasiermessermorde

Wir wollten zunächst die Überschrift der letzten Rezension, die wir für das „Special Edgar Wallace“ veröffentlicht haben, lediglich um das Wort „wieder“ ergänzen, aber letztlich findet in „Zimmer 13“ doch etwas anderes als eine Enttarnung statt.

Doch auch dieses Mal ist das Ende der Knalleffekt – ein noch größerer als in „Der unheimliche Mönch„. Dass in der Rezensionsfolge ein Film aus dem Jahr 1964 nnach einem aus dem Folgejahr erscheint,  hat einen simplen Grund: „Zimmer 13“ zählt nicht zum „Kanon“ der Edgar-Wallace-Filme, zu denjenigen, die häufig im Fernsehen ausgestrahlt werden. Wir mussten ihn also im Netz ausfindig machen, anschauen und für das Special eine neue Kritik dazu schreiben. Im Netz waren zum dem Film vergleichsweise wenige Szenenbilder zu finden. Auch die Streckung des Rhythmus, in dem wir Kritiken im Rahmen des „Special Edgar Wallace“ (derzeit jede fünfte Rezension des Filmfests) zeigen, fußt darauf, dass wir für den weiteren Verlauf mehr neu schreiben müssen.

Aber warum wird „Zimmer 13″ versteckt? Einiges ergibt sich bereits aus den Produktionsnotizen, das Übrige aus der -> Rezension.

Zweifellos gehört „Zimmer 13“ zu den dramatischsten Filmen der Reihe, die aus insgesamt 38 Produktionen besteht und stellt in dieser Reihe die Nr. 16 dar.

Notizen (1)

  • Ursprünglich hatte Rialto Film Ende 1963 die Verfilmung des Edgar-Wallace-Romans „Der Safe mit dem Rätselschloß“ vorgesehen. Nachdem am 8. August 1963 ein spektakulärer Raub auf den Postzug London-Glasgow stattgefunden und weltweit ein enormes Medienecho ausgelöst hatte, verschob man das Projekt. Stattdessen beauftragte man den Journalisten und Regisseur Will Tremper damit, ein bereits Anfang 1963 von Heinz Oskar Wuttig verfasstes Drehbuch nach dem Edgar-Wallace-Roman „Zimmer 13“ umzuschreiben und einen Postzugüberfall in die Handlung einzuarbeiten.
  • Zum vierten und letzten Mal beteiligte sich eine französische Firma an den Produktionskosten eines Wallace-Krimis der Rialto Film.
  • Die Außenaufnahmen für einen Edgar-Wallace-Film fanden zum dritten und letzten Mal in Dänemark statt; unter anderem wurde auf Schloss Vallø und Umgebung sowie in Kopenhagen und Frederikssund gedreht. Die Innenaufnahmen entstanden in den Studios der CCC-Film im Berliner Bezirk Spandau.
  • Richard Häussler und Hans Clarin nahmen mit diesem Film Abschied von der Edgar-Wallace-Reihe. Kai Fischer und Benno Hoffmann hatten jeweils ihren einzigen Gastauftritt in einem Film der Reihe.
  • Wie bei fast allen bisherigen Edgar-Wallace-Filmen strebte man auch bei diesem Film eine FSK-Freigabe ab maximal 16 Jahren an. Die entsprechenden Schnittauflagen verlangten in diesem Falle jedoch die Änderung der Auflösung und damit ganzer Szenen, weshalb der Film als erster Film der Wallace-Reihe eine Altersfreigabe ab 18 Jahren erhielt. Da die Hauptzielgruppe dem Film dadurch fernblieb, konnte sich der im Vergleich mit seinen Vorgängern wesentlich aufwendiger inszenierte Film nicht zu dem erhofften Erfolg entwickeln.
  • Die im falschen Format ausgestrahlte und um zwei Striptease-Szenen gekürzte Fernsehfassung wurde 1991 ab 16 Jahren freigegeben. Inzwischen wurde der Film in der kompletten Kinofassung mit einer Altersfreigabe ab 12 Jahren veröffentlicht. Durch Zusatzmaterial wurde der Film in der Edgar-Wallace-Edition 4 ab 16 Jahren freigegeben, jedoch ist der Vermerk „Hauptfilm ab 12 Jahren“ hinzugefügt worden.

Handlung mit Auflösung (1)

An einem Bahndamm in der Nähe des Landsitzes von Sir Robert Marney wird eine Frau mit einem Rasiermesser ermordet. Kurz darauf bekommt Marney Besuch von dem Unterweltler Joe Legge. Vor Jahren hatte Marney Legge ins Ausland verholfen. Legge verlangt von Marney, ihm bei einem Eisenbahnüberfall zu helfen. Ansonsten werde die Tochter Marneys, Denise, ermordet. In seiner Verzweiflung heuert Marney den Privatdetektiv Johnny Gray an.

Am nächsten Abend wird in einem ominösen Nachtclub eine Stripteasetänzerin mit einem Rasiermesser ermordet. In diesem Nachtclub tagt zur selben Zeit Joe Legge mit seiner Bande und auch Marney findet sich dort ein. Die Ganoven wollen Marneys Schloss als Unterschlupf benutzen. Johnny Gray ermittelt nun zusammen mit der Polizei im Falle der Morde. Gray ahnt nicht, dass Legge einen Geldtransporter der Bahn überfallen will.

Zum Schluss kann Scotland Yard die Banditen bei Schloss Marney stellen, und das Geld sicherstellen. Gray findet heraus, dass Marneys verstorbene Frau einst in Legge verliebt war. Damit Legge die Frau in Ruhe lässt, half Marney Legge nach einem Überfall zur Flucht. Als Rasiermessermörder stellt sich ausgerechnet die junge Denise Marney heraus, da sich ihre Mutter mit einem Rasiermesser vor einem Spiegel das Leben genommen hatte. Denise musste als Kind alles mit ansehen und litt seitdem an einem tödlichen Drang.

Rezension

Das fängt ja gleich recht scharf an. Das erste, was man sieht ist ein scharfes Rasiermesser zum Aufklappen, das jemand öffnet und man fühlt sich gar an Louis Bunuel erinnert. Dann geht eine Frau mit Kopftuch die Bahngleise entlang, sieht die Person, die das Messer hält, schreit, das Messer fährt nieder und die Frau ist aus dem Bild.

Direkt im Anschluss fährt ein Zug vorbei, bei welchem der linke Scheinwerfer defekt ist. Das fängt ja wirklich gut an. In der Londoner Paddington Station (Kopenhagen Hbf, wie wir oben gelesen haben), hab sich zwei Gangster verabredet, beobachtet von einem Zeitungsladen aus von einem Mann mit Schnauzer. Zum allerersten Mal in der Reihe höre wir eine Stimme, die uns noch vertraut werden wird und sie gibt kund: „hier spricht Edgar Wallace!“ Demnach müsste der Film von Alfred Vohrer stammen zumindest ist es dieser Regisseur, der den Satz ein- und für allemal aufgesagt hat. Das ist jedoch nicht der Fall, der Film wurde von Harald Reinl inszeniert, dem Pionier, wenn man so will, der die allererste Produktion der deutschen Wallace-Reihe inszenierte: „Der Frosch mit der Maske„.

Und der Vorspann ist farbig, wechselt zu einem roten Hintergrund, ein Schloss wird gezeigt und die Darsteller der Hauptpersonen, Jochim Fuchsberger und Karin Dor, werden mit blauem Hintergrund, die weiteren Darsteller abwechselnd mit rotem und blauem Hintergrund gezeigt. Und auch mal mit grünem, als Eddi Arent an die Reihe kommt. Die thrillige Musik, die von Anfang an gespielt wird, stammt von Peter Thomas, der für seinen innovativen Sound bekannt war. Der Score beinhaltet eine Besonderheit, die mir erst am Ende des Films auffiel.

Ein gewisser Sir Robert Marney vremisst sein Rasiermesser. Er ist Abgeorneter des Unterhauses, also wohl kein Lord. Ein Verbrecher besucht ihn, man kennt sich von früher und derMann der sich Legge nennt, will etwas bei dem Schlossherrn unterstellen – und er will, dass dieser ihn im Zimmer 13 eines Clubs in London aufsucht. Ein Polizist hat diesen Legge verfolgt und berichtet Sir John, der wiederum von Siegfried Schürenberg gespielt wird. Damit ist auch der Dienststellenchef nun zu einem recht amüsanten Charakter geworden. High Low Club heißt übrigens die Bude, in der sich das berüchtigte Zimmer 13 befindet.

Ein Detektiv namens Gray wird eingeschaltet, von Joachim Fuchsberger dargestellt, und er schießt versehentlich auf eine Frau, die er im Auftrag von Marney schützen soll – dessen Tochter Denise. Seine Einladung zu einem Abend im Club nimmt sie trotzdem ein. Das verschafft uns Zuschauer*innen die Möglichkeit, ebenfalls dort einzutreten und uns das Etablissement anzuschauen. Derweil plant die Bande mit diesem Legge an der Spitze einen Zugüberfall.

Erstes Zwischenfazit: In einem Punkt unterscheidet sich der Film von vielen anderen der Reihe. Im Mittelpunkt steht nicht irgendeine geheimnisvolle maskierte oder sonstwie verborgene Person, sondern eine Bande plant ein großes Verbrechen, wie es für ein Heist-Movie üblich ist. Nur wird nicht aus deren Perspektive heraus gefilmt, wie meisten bei dieser Spielart des Gangsterfilms, zumindest nicht hauptsächlich. Gleich darauf tritt ein weiteres Unterscheidungsmerkmal hinzu: Es kommt zum ersten Strip in einem Edgar-Wallace-Film (auch dazu steht oben etwas in den Infos). Das konnte aus moralischen Gründen nicht gut gehen, und die Stripperin wird sofort ermordet. Natürlich mit einem Rasiermesser. Es gibt richtige Mode-Mordwerkzeuge, es sei denn, es handelt sich immer um dasselbe Objekt.

Klar, die Tänzerin war ein Polizeispitzel und wir können nach zwei Morden unmöglich schon durch sein, wir sind ja nicht in einem Tatort der 1970er. Aber dieser Legge kann es doch nicht gewesen sein, der war doch zu der Zeit …? Keine voreiligen Schlüsse!, wie der schlaueFuchs sagen würde, der aus der Ost-Parellelreihe zum Tatort. Polizeiarzt Dr. Higgins stellt fest, dass es in der Tat eine Agentin war, die getötet wurde, nicht nur ein Spitzel, denn sie trug die Baumwoll-Dienstunterwäsche der weiblichen Beamten von Scotland Yard, die Variante für den Außendienst mit Spitzenbesatz natürlich.

Denise Marney alias Karin Dor ist mal wieder beim Schlafen in Gefahr, das kennen wir ja schon (u. a. aus „Der Fälscher von London„). Sie hat aber auch einen Schlafgefahr-Appeal erster Kajüte. Was wir in der Szene auch sehen: Die Flokatis sind entgegen allgemeiner Auffassung nicht erst in den 1970ern in Mode gekommen. Da wurden sie dann allerdings bürgerlich.

Vater Marney entlässt derweil den Detektiv Gray, weil Legge das von ihm verlangt hat. Es geht doch nichts über eine Erpressung, die wirklich finstere Hintergründe haben muss – so finster, dass man die eigene Tochter einer unbestimmten Gefahr aussetzt. Auf der Polizei kann Gray immerhin klarstellen, dass der in Verdacht stehende Clubmanager vom „High Low“ (oder heißt es doch „Highlow“ oder „Shiloh“?) den Rasiermessermord an der Tänzerin nicht begangen haben kann, weil er zu dem Zeitpunkt unter Grays Beobachtung stand. Was hätte der auch an dem Schienenstrang machen soll, an dem zu Beginn eine unscheinbare ältere Frau umgebracht wird? Die Opfer passen eh nicht so recht zusammen und das merken wir uns jetzt, weil es noch wichtig werden wird. Okay, eine Gemeinsamkeit haben sie doch. Dummerweise kann der Clubmanager dadurch wieder „join the Team“ durchführen, denn er hat ja nicht „gesungen“. Von einem geplanten Zugüberfall weiß er nämlich wesentlich mehr als von den Rasiermessermorden, und wer weiß, was die Polizei so nebenbei alles rauskriegt, wenn es mit der Erhärtung es eigentlichen Verdachts nicht so recht klappt.

Weil wir in einem Film von Harald Reinl sind: Alleebaumfahrten. Schön. Einen Austin Healey chauffiert der Gray, trotz seines Namens sind Weißwandreifen aufgezogen und man fährt bei jedem Wetter offen. Wie bereits in dem erwähnten „Der Fälscher von London“ hat man für Karin Dor wieder eine recht wichtige und aktive Rolle in den Plot geschrieben, aber beide Filme wurden ja auch von ihrem Mann inszeniert. Jetzt geht sie auf eigene Faust in die Löwe des Höhlen, den berüchtigten Unterweltclub „High Low“. Und sie droht dem Legge, dass sie die Polizei aufsuchen wird, wenn dieser ihren Vater nicht in Ruhe lässt. Was macht Peter Thomas da mit der Musik? Das Schaben des Rasiermessers, das immer mal wieder alle anderen nicht durch Dialoge verursachten Geräusche ersetzt, irritiert wirklich ein wenig. Es fällt auch deshalb auf, weil die Musik ansonsten eher eingängig wirkt. Aber dieses Springen zwischen einem richtigen Score und dem Einsatz prägnanter Zwischentöne ist ja ein Merkmal dieses Filmkomponisten und trägt zum Gruselhumor einiger Edgar-Wallace-Filme bei. Was sehen meine verwunderten Augen in einem Badezimmer? Eine Flasche Tabac Original. Die sahen damals schon genauso aus wie heute, kaum zu glauben, aber die Geburt des Product Placement war diese Szene wohl nicht, die muss viel früher stattgefunden haben, wie der traditionelle filmische Umgang mit der Stadt Paris belegt. Wir werden das für London in einem weiteren Edgar-Wallace-Film ebenfalls sehen. Er nennt sich „Das Verrätertor“ und ist der nächste, den wir 2020 „nachrezensiert“ haben.

Außerdem sehr schön: Echte Fahrtbilder, keine Rückprojektion, wenn Gray und Denise im offenen Wagen die Allee entlang sausen. Die Szene wirkt bewegt bis stürmisch, und wer weiß, was das zu bedeuten hat. Da hat sie ja nochmal Glück gehabt, aber ein weibliches Mitglied der Bande ist nun ebenfalls tot – der dritte Mord mit dem Rasiermesser vom Lord, falls es seines ist und obwohl er kein Lord ist.

Ich lasse mal ein paar Handlungselemente aus, weil ich den Blick auf ein Gemälde richten möchte. Es zeigt Denises Mutter, die vor 20 Jahren Selbstmord begangen haben soll, während diese mit einem Trick entführt wird. Im Auto ausströmendes, sichtbares Gas ist anscheinend eine sehr britische Methode, die man in Edgar-Wallace-Filmen immer wieder sieht, dich mich aber komischerweise immer an etwas anderes erinnert und einen Schauer auslöst.

Außerdem hatte ich mich, während der Postzugraub geplant wird, gefragt, ob es den oben erwähnten echten Fall zu dem Zeitpunkt wirklich schon gegeben hat. Aber klar, sonst wäre das Drehbuch bzw. dessen Autor*en geradezu mit prophetischer Gabe gesegnet. Wie wir gelesen haben, wurde das Drehbuch an dieses spektakuläre Ereignis angepasst. Vielleicht auch deshalb wirkt die Rasiermessersache bisher seltsam separiert vom Treiben der Räuberbande, beinahe, als wenn zwei Stränge nebeneinanderher liefen, ohne große Berührungspunkte zu haben – auch wenn sich zwei der Rasiermessermorde in den Räumlichkeiten zugetragen haben, in denen die Bande verkehrt. Die Verbindung ist komplett unklar.

Gray hat sich nun mit dem Polizeiarzt Dr. Higgins verbündet und wir sehen den Klassiker, Eddi Arent und Joachim Fuchsberger ermitteln quasi zusammen. Denise ist vermutlich in ebenjenem Club eingesperrt, den wir bereits hinlänglich kennen, auch wenn dieses Versteck gerade deshalb nicht übermäßig elaboriert wirkt. Ist es auch Zimmer 13? Jedenfalls konnte sie sich auf eine witzige Weise selbst befreien und hat sich auf den Dachboden geflüchtet, auf einen jener Dachböden, auf denen die schrecklichsten Geheimnisse der Vergangenheit herumstehen, nicht etwa in Kellern alter Gemäuer, in denen es meist dafür zu feucht ist. Der Film nimmt Fahrt auf, während einander alle jagen, im und über dem High-Low-Club. Derweil laufen die Vorbereitungen für den Zugraub trotzdem planmäßig weiter, was einmal mehr beweist, dass Rasiermessermorde nicht geeignet sind, die wirklich großen Coups aufzuhalten.

In seinen Räumen experiment Higgins gerne mit einer Puppe, die Emily heißt, wenn es darum geht, bestimmte phyisisch-chemische Einwirkungen zu testen. Das muss ich nachschieben, denn jetzt sind wir in einem Raum, in dem viele ähnliche Puppen stehen. Denise wird in irgendwo eingesperrt, wo auch die Leiche des weiblichen Opfers aus dem Club liegt. Der Zug wird derweil außerhalb von London aufgehalten. Unter einer Brücke. Auf dieser steht, gar nicht dumm, ein Lastwagen, der die Beute aufnehmen soll. Das geht aber nur, weil ein Weichensteller gekidnappt wird und die Weiche entsprechend umgestellt werden kann. Legge ist derweil öffentlich zu sehen, in Paddington Station – damit er nicht unter Verdacht gerät, am Raub beteiligt zu sein. Offenbar denkt die Polizei immer an ihn, wenn sich etwas Besonderes tut, und so falsch ist dieser Gedanke nicht.

Besonderheiten / Typizitäten der Edgar-Wallace-Filme

  • Regie: (…) Nicht viel weniger Einfluss auf die Serie (als Alfred Vohrer mit seinem eher ekstatischen und effektvollen Stil, A. d. Verf.) hatte Harald Reinl, zu dessen fünf Edgar-Wallace-Filmen das erste Werk zur Reihe Der Frosch mit der Maske sowie die Höhepunkte Die Bande des Schreckens und Der unheimliche Mönch zählen. Typische Merkmale der Filme des einstigen Heimat- und Bergfilm-Regisseurs sind stimmungsvolle Außenaufnahmen mit langen Kamerafahrten und -schwenks. Stilmittel, die Reinl vor allem auch in den durch ihn geprägten Karl-May-Filmen angewendet hat. (…)
    • „Zimmer 13“ ist der einzige Reinl-Film der Reihe, der oben nicht erwähnt wird, aber er ist wichtig, weil er vom Schema deutlich in Richtung Dramatik abweicht, weniger gruselig ist, aber nicht weniger spannend als die anderen, wie eine zeitgenössische Kritik es formuliert. Gäbe es den Einsatz von Eddi Arent nicht, wäre der Film sogar komplett humorfrei. Es gibt keine Dialog- oder Situationskomik außerhalb der Sphäre des Dr. Higgins. Die Handlung ist nicht die beste, die für einen Wallace-Film konstruiert wurde, weil zwei Ebenen, die Rasiermessermorde und der Postzugraub, nicht optimal miteinander verknüpft sind.
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • Zuletzt hatten wir in der Rezension zu „Der unheimliche Mönch“ geäußert, dass der Trick an dem Film ist, dass man Eddi Arent gegen die Erwartungen des Publikums besetzt hat – bezüglich „Zimmer 13“ gilt Gleiches für Karin Dor. Für mich war die Überraschung noch größer und trug dazu bei, dass bei dem Film das übliche Schmunzeln schwerfiel.
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • Hier wird weder das Tatwerkzeug in den Titel genommen, noch die Täterfigur, sondern ein Ort, wie auch im Nachfolger „Die Gruft mit dem Rätselschloss“, den wir demnächst rezensieren werden. Allerdings ist der Titel „Zimmer 13“ sehr knapp und geradezu unscheinbar. Ich persönlich finde ihn sehr gut, denn was wohl soll in einem Zimmer mit dieser Nummer sich anderes zutragen als etwas ganz Furchtbares? Der Interpretationsspielraum ist groß und mit ihm die Möglichkeiten, sich auszumalen, worum es geht.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • Wegen der Anlage als Whodunit kann man sagen, der Rasiermesserfall ist kein echter Psychothriller, allerdings kann beidesm miteinander einhergehen, wie etwa in „Se7en“ – der Postzugraub ist allerdings ein Howcatchem und ein Heist-Movie, sodass sich hier Subgenres versammeln und überlagern.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • Wenn mich nicht alles täuscht, gibt es in „Zimmer 13“ gar keine Aufnahmen, die tatsächlich in London spielen, für das also ein Team dorthin fliegen musste, um zu drehen. Die Schlösser, die nicht dort stehen, wirken meist auch nicht sehr britisch, das gilt auch für die hier verwendeten dänischen Locations. Landschaften werden stellenweise gut eingebunden, vor allem während der oben erwähnten Autofahrt.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. (…)
    •  Der erste Rasiermessermord findet vor dem Vorspann statt, dessen Ausgestaltung wir oben bereits erwähnt haben. „Ein ‚Hallo‘ vor ‚Hier spricht Edgar Wallace‘ habe ich nicht gehört, auch die Schüsse mit den Farbklecksen und den Buchstaben „Edgar Wallace“ gibt es noch nicht. Eine Besonderheit stellen die eingefärbten Hintergründe während der Nennung der Darsteller*innen dar.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war.
    • Dass mich Peter Thomas‘ klangliche Untermalung der Rasiermessermorde nicht auf die richtige Spur geführt hat,  kann ich nun als mangelnde Aufmerksamkeit trotz vieler Krimirezensionen bewerten oder als doch so dezent, dass eben die meisten nicht aufgrund dieser Geräusche ahnen, wer sich hinter diesen grausamen Taten verbirgt – obwohl Thomas die übrige Musik eher konventionell gestaltet hat, um gerade diese Szenen gut abzusetzen.

Finale

Aber warum lässt Gray Denise bei sich übernachten – dazu in einem Raum, in dem offenbar auch noch eine andere Frau liegt? Etwas später flieht sie mit seinem Wagen und er beobachtet dies. Zuerst wird aber der Fall des Zugraubes gelöst: großes Finale vor dem Schloss von Marney und darinnen. Erst erschießen sich Legge und der Lord gegenseitig, aber Legge kann nochmal zurückschießen und verletzt den Butler. Die Polizei macht indessen die Bande dingfest, die ihre Beute in das Anwesen verbringen wollte. Nun ja, sehr überraschend ist dieses Ende nicht, aber wir wissen, dass es die wirklichen Zugräuber der Polizei viel schwerer gemacht haben.

Das eigentliche Finale kommt aber erst. Denise steht von dem Porträt ihrer Mutter. Was hat es damit auf sich?

Zunächst ist festzuhalten, dass diese Frau einst die Geliebte von Legge war und Marney sich auf den Deal mit der Bande und ihrem Chef eingelassen hat, so berichtet es der schwerverletzte Butler, damit seine Frau  nicht bloßgestellt wird. Auch nicht nachträglich, um Denises willen. Die Mutter hatte ihren inneren Zwiespalt dereinst nicht ausgehalten und fiel in temporäre geistige Umnachtung – in einem desolaten Zustand hatte sie sich in der Tat selbst umgebracht. Mehrere Stunden lang war Denise als Fünfjährige mit ihrer toten Mutter allein, hat ein schweres Trauma davongetragen und die drei Rasiermessermorde begangen, die immer Frauen zum Opfer hatten.  Sicher, es gab schon vorher einige Hinweise. Das angstvolle Starren auf das Porträt der Mutter, und diese Geräusche eines schabenden Rasiermessers, vielleicht wird es auch gerade geschliffen, die ich aber jetzt erst so zuordnen kann, dass sie immer einsetzen, wenn Denise handelt. Damit erklärt sich nun auch, warum Gray die Puppe von Dr. Higgins so interessant fand. Ich dachte zunächst, weil er vielleicht vermutete, dass sich darin eine Abhöranlage verbirgt oder dergleichen, aber es ging darum, sie zu für den Test mit Denise zu verwenden. Da muss Gray allerdings schon sehr früh etwas geahnt haben, das nehme ich dem Drehbuch nicht ganz ab. Leider hat Emily nun sozusagen als viertes Opfer dran glauben müssen.

Mehr als bei anderen Filmen, die man nicht so häufig im Fernsehen zeigt, erklärt sich für mich, warum „Zimmer 13“ weggelassen wird. Das ist, wenn auch sehr verdeckt, beinahe ein Psychothriller, allerdings deutet im Verhalten von Denise vorher doch nicht so viel auf ihre Täterschaft hin, dass ich diese Spur frühzeitig in Betracht gezogen hätte, das hat ja auch die Polizei nicht getan und Gray und sie wirken erst einmal wie das in diesen Filmen übliche Paar, das am Ende zusammenfinden wird. Wenn man nun das Ende bedenkt, handelt es sich geradezu um den einzigen Film noir der Serie, denn eine Figur, die man sympathisch findet und auf die man sich einlässt, entpuppt sich im wörtlichen Sinn als Mörderin. Falls man das, was sie tut, auch auf der Ebene der Schuld als Mord bezeichnen kann. Weil das wohl nicht der Fall sein dürfte, ist ihr Schicksal tragischer als in den Wallace-Adaptionen üblich. Erstaunlich, dass Harald Reinl seine Frau in solch einen Plot gesteckt hat, aber das wird ihr bei Hitchcock auch noch einmal passieren. Nicht, dass ihre Figur selbst tötet, aber getötet wird.

Der Film ist ernster als die meisten anderen der Reihe und realistischer, auch das Mordmotiv, das kein Mordmotiv ist, die Psychologie, wirken nicht komplett an den Haaren herbeigezogen, auch wenn es kaum denkbar ist, dass Denise nicht vorher schon Verhaltensauffälligkeiten zeigte, angesichts einer so schweren Traumatisierung. Wir haben oben auch gelesen, dass dieser Film der einzige war, der ursprünglich erst ab 18 Jahren freigegeben war und dass man das nur hätte ändern können, indem man eine andere Erklärung für die Rasiermessermorde gefunden hätte. Es gibt einige Publikumserwartungen, die der Film nicht erfüllt, das dürfte klar sein. Dass er weniger Publikum fand als andere Filme, wie es ebenfalls in der Wikipedia steht, weil er die typische Altersklasse nicht bediente, erschließt sich aus der Besucherzahl von 1,8 Millionen nicht. Lediglich „Der Hexer“ und „Der unheimliche Mönch“ kamen in den Jahren 1964 und danach noch einmal auf über 2 Millionen zahlende Kinobesucher, der direkte Nachfolger „Die Gruft mit dem Rätselschloss“ nur auf 1,3 Millionen.

73/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

  1. Angaben aus der Wikipedia

Begleitartikel „Special Edgar Wallace“ (Update)
Filmfest News 1 (beinhaltet das 2. Update zum „Special Edgar Wallace“ – vorliegender Artikel)
FFA 61 Der Frosch mit der Maske
FFA 63 Der Rächer
FFA 65 Der grüne Bogenschütze
FFA 67 Die toten Augen von London
FFA 70 Der rote Kreis
FFA 72 Das Geheimnis der gelben Narzissen
FFA 74 Die seltsame Gräfin
FFA 76 Das Rätsel der roten Orchidee
FFA 78 Die Tür mit den sieben Schlössern
FFA 80 Das Gasthaus an der Themse
FFA 83 Die Bande des Schreckens
FFA 85 Der Zinker
FFA 88 Der schwarze Abt
FFA 91 Das indische Tuch
FFA 94 Der Hexer
FFA 97 Neues vom Hexer
FFA 102 Der Fälscher von London
FFA 107 Der unheimliche Mönch
FFA 112 Zimmer 13 (dieser Beitrag)

Regie Harald Reinl
Drehbuch Quentin Philips
Produktion Horst Wendlandt,
Preben Philipsen
Musik Peter Thomas
Kamera Ernst W. Kalinke
Schnitt Jutta Hering
Besetzung

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