Die Gruft mit dem Rätselschloss (D 1964) #Filmfest 117 #EdgarWallace

Filmfest 117 A "Special Edgar Wallace" (21)

Film im Film = Mord im Kino

Ich habe den Anfang noch mal aufgerufen. Er ist recht logisch, weil am Bahnhof zunächst dieser Connor auftaucht und hinter ihm der Mann aus der Mühle, der Bruder von Flint. Flynn selbst hat sich schon im Zug vorgestellt. Aber die beiden greifen zunächst einmal nicht ein, als Connors Bande das Mädchen und den angehenden Juristen entführt.

Die 19. deutschesprachige Nachkriegspadaption eines Kriminalromans von Edgar Wallace fängt recht aktionsreich an. Die Polizei macht Jagd auf einen Verbrecher, der sich in einem alten Fabrikgebäude verschanzt hat und eine Geisel gefangen hält; jung, weiblich, blond. Die Polizei stürmt trotz der prekären Situation das Gebäude. Aber jetzt die Überraschung – und über die sprechen wir, wie über das Meiste in diesem Film, u. a., wem sich dieser Flynn eben vorgestellt hat, in der -> Rezension.

Notizen (1)

  • Anfang der 1960er Jahre landeten der Constantin-Filmverleih und Horst Wendlandts Rialto Film mit den Edgar-Wallace-Filmen einen Kinoerfolg nach dem anderen. Im Zuge der Vorbereitungen weiterer Beiträge der Filmreihe, stellte der renommierte Autor R. A. Stemmle Ende 1962 ein Treatment nach dem Roman Der Safe mit dem Rätselschloß fertig. Die erste Drehbuchfassung, in der Stemmle als möglichen Filmtitel auch Die Mühle des Grauens vorschlug, war Anfang 1963 fertig. Die Buchvorlage war 1908 unter dem Originaltitel Angel Esquire als zweiter Roman von Edgar Wallace veröffentlicht worden. 1927 erschien die deutsche Erstausgabe unter dem Titel Der verteufelte Herr Engel im Verlag Josef Singer. Die Neuübersetzung von Ravi Ravendro unter dem bis heute gebräuchlichen Titel Der Safe mit dem Rätselschloß kam 1932 im Wilhelm Goldmann Verlag heraus. Seit 1954 war das Werk als Goldmanns Taschen-Krimi Band 47 erhältlich.[3]
  • Laut den ursprünglichen Plänen hätte Stemmles Drehbuch bereits Ende 1963 nach der Fertigstellung von Das indische Tuch verfilmt werden sollen. Nachdem am 8. August 1963 der spektakuläre Raub auf den Postzug London-Glasgow stattgefunden hatte, verschob man das Projekt zugunsten des Edgar-Wallace-Films Zimmer 13, in dessen Handlung man kurzfristig einen Postzugüberfall einbauen konnte. Für die anschließende Adaption von Der Safe mit dem Rätselschloß konnte Produzent Horst Wendlandt den österreichischen Regisseur Franz Josef Gottlieb verpflichten, der im Vorjahr den Erfolgsfilm Der schwarze Abt inszeniert hatte. Gottlieb nahm zunächst umfassende Modifikationen am Drehbuch vor. So kommt in Stemmles Version noch der Vater Kathleen Kents als maskierter Mörder vor, der erst am Ende des Films enttarnt wird. Inzwischen stand auch ein neuer Filmtitel fest: Die Gruft mit dem Rätselschloss.
  • Die 1963 erstellte Besetzungsliste sah noch Darsteller vor, die aufgrund der Verschiebung des Filmprojekts nicht mehr zur Verfügung standen:[4]
  • Die Villa Herz in Berlin ist im Film als Villa von Mr. Real zu sehen.
  • Für die Rolle des Inspektor Angel konnte Horst Wendlandt erstmals Harald Leipnitz engagieren, der 1963 das Filmband in Gold erhalten hatte. Nachdem das ursprüngliche Ensemble nicht zustande kam, stand Leipnitz schließlich in der Rolle des Jimmy Flynn vor der Kamera. Später wirkte er noch in zwei weiteren Wallace-Filmen als Hauptdarsteller mit. Auch andere bereits angekündigte Schauspieler wie Klaus Kinski, Eddi Arent, Harry Wüstenhagen sowie die Gaststars Ernst Fritz Fürbringer und Rudolf Forster konnten umdisponiert werden.[4] Kurt Waitzmann und Ilse Steppat gaben innerhalb der Serie ihr Debüt und sollten noch in weiteren Filmen der Reihe mitwirken. Judith Dornys, Vera Tschechowa und Harry Meyen übernahmen wichtige Gastrollen. Der bereits aus vorherigen Wallace-Filmen bekannte Werner Peters rundete das namhafte Ensemble ab.
  • Die Dreharbeiten für den in Ultrascope produzierten Schwarzweißfilm mit farbiger Titelsequenz fanden vom 18. Februar bis 26. März 1964 in West-Berlin und London statt. Im Film sind unter anderem folgende Drehorte zu sehen:

Handlung mit Auflösung (1)

In einem Londoner Kino wird ein Mann erschossen. Wie Inspektor Angel von Scotland Yard bald darauf feststellt, handelt es sich dabei um einen Franzosen, der zu einer ganzen Bande fragwürdiger Croupiers gehörte. Überall wo diese auftauchen, kommt es irgendwann zu kriminellen Aktivitäten, die man bisher niemandem nachweisen konnte. Zur gleichen Zeit trifft die Australierin Kathleen Kent in Begleitung des angehenden Juristen Ferry Westlake in der britischen Metropole ein. Noch im Zug macht Kathleen die Bekanntschaft mit einem gewissen Jimmy Flynn, der ihr seine Hilfe anbietet, sollte sie einmal in Schwierigkeiten kommen. Schon kurz nach ihrer Ankunft werden die attraktive Frau und ihr Begleiter in den Club des undurchsichtigen Mr. Connor entführt.

Wie seine Komplizen Goyle, Simpson, Bat Sand, Cyril, Vinnis und Massay gehört auch Connor zu den damaligen Angestellten des einstigen Spielhöllenbesitzers Mr. Real. Mithilfe dessen manipulierter Spieltische hatten sie vor Jahren Mr. Kent, Kathleens Vater, in den Ruin und damit in den Selbstmord getrieben. Nun, von Altersschwäche und Reue geplagt, möchte Real die verwaiste Kathleen zur Erbin seiner ergaunerten Reichtümer machen. Diese bewahrt der alte Mann sicher in einer Gruft mit einem genial erdachten Rätselschloss auf. Reals Rechtsanwalt Mr. Spedding hat Kathleens Entführung beobachtet. So fallen er und Real auch nicht darauf herein, als Connor ihm eine falsche Mrs. Kent ins Haus schickt. Noch bevor das Mädchen Auskunft über seine Auftraggeber erteilen kann, wird es hinterrücks erschossen. War der Schütze der stumme Unbekannte, der sich immer dort aufhält, wo gerade etwas passiert?

Am Abend sucht auch Jimmy Flynn, ein weiterer ehemaliger Angestellter Mr. Reals, seinen früheren Chef auf. Auch Flynn möchte seinen Anteil geltend machen. Wenig später wird er Zeuge, wie Connors Komplize Massay in das Haus eindringt und Real im Streit ein Messer in die Brust rammt. Als Massay daraufhin versucht, in die Gruft vorzudringen, wird er durch eine raffinierte Mechanik getötet. Jimmy Flynn bringt den verletzten Mr. Real zu einem Versteck in einer alten Windmühle. Connor, der Massy gefolgt war, sieht all diese Ereignisse aus sicherer Entfernung.

Unterdessen kann Ferry Westlake aus Connors Club entkommen und sich mit Scotland Yard in Verbindung setzen. Inspektor Angel bittet den ihm bestens bekannten Unterweltler Jimmy Flynn, Kathleen Kent zu befreien, was ihm tatsächlich gelingt. Anwalt Spedding erhält den Auftrag, Real das Dokument mit den Zahlenkombinationen des Rätselschlosses auszuhändigen. Stattdessen erliegt Spedding der Versuchung und findet, als er sich bereits am Ziel wähnt, ebenfalls den Tod in der Gruft. Connor sucht den zunehmend geschwächten Real in der Mühle auf, um wiederum seinen Teil des Vermögens einzufordern. Doch Margaret Clayton, die den alten Mann pflegt, lockt Connor in eine Falle. Er stürzt mitten in das tödliche Räderwerk der Mühlsteine. Abermals ist dabei der stumme Unbekannte zugegen.

Die verbliebenen Bandenmitglieder arbeiten inzwischen an der gewaltsamen Öffnung der Gruft mittels Sprengstoff. Allerdings werden sie dabei von der Polizei überrascht und verhaftet. Ferry Westlake kann den Sprengsatz im letzten Moment entschärfen. Jimmy Flynn bringt Kathleen Kent währenddessen zur Mühle. Real kann ihr dort gerade noch sein Testament und die Geheimzahlen der Gruft überreichen. Dann stirbt er. Noch einmal verfallen die Beteiligten der fatalen Gier nach Reals Reichtümern. Margaret Clayton, bei der es sich in Wahrheit um die Mutter Jimmy Flynns und des stummen Unbekannten handelt, stößt Kathleen in das Mühlwerk. Da trifft Inspektor Angel ein, der Kathleen rettet und sich mit Flynn ein erbittertes Pistolenduell liefert. Jimmys Bruder, der hinterrücks auf den Ermittler zielt, wird in ein Zahnrad der Mühle gezogen und zum unfreiwilligen Mörder Jimmy Flynns. Am Ende betreten Kathleen Kent, Ferry Westlake, Inspektor Angel und Sir John von Scotland Yard die Gruft mit Reals Vermögen.

Rezension

Aber jetzt die Überraschung es ist nur ein Film im Film, das Publikum im Kino überwiegend jung und gutgelaunt.  Jedoch gehen diese Menschen an einem älteren Herrn vorbei, der zusammengesunken in einem Sessel sitzt und von dem die übrigen Besucher*innen glauben, er sei eingenickt, wegen der großen Langeweile jener vorgeführten Räuberpistole. Aber er wurde von hinten erschossen.

„Die Gruft mit dem Rätselschloss“ hat für Edgar-Wallace-Verhältnisse keine große Besetzung, viele von den „Stammschauspielern“ fehlen. Die Musik ist von Peter Thomas, Regie hat Franz Josef Gottlieb geführt, obwohl Alfred Vohrer den Edgar Wallace im Vorspann spricht. Es gibt aber noch nicht die Einschüsse und der Vorspann ist nicht farbig.

Derjenige Darsteller, der am häufigsten von allen in den Edgar-Wallace-Verfilmungen eingesetzt wurde (23mal)  sofort im Bild. Eddi Arent, auf einer Zugfahrt nach London, die erkennbar in einem Abteilwagen der 2. Klasse der Deutschen Bundesbahn stattfindet. Den ersten Typ, der in der Paddington Station („Station aus Stein“, gemäß Verständnis der Sprachaufzeichnung) aussteigt, habe ich jetzt nicht erkannt, doch hinterdrein kommen Werner Peters und Klaus Kinski – Letzteren hatte ich im Vorspann gar nicht entdeckt. Es findet sich also doch ein weiterer Wallace-Promi ein.

Nun schauen sich Sir John Von Scotland Yard und einer seiner Mitarbeiter die Räuberpistole an und wie kommentiert der Dienststellenleiter der „K“? „Es ist unverantwortlich, so offen anzugreifen – von welcher Abteilung sind denn diese Polizisten?“ Sein Kollege weist ihn drauf hin, dass es sich um einen Film handelt. Um einen schlechteren natürlich als „Die Gruft mit dem Rätselschloss“.

Im Zug sehen wir eine Erbin, die von Australien den Weg nach London gefunden hat und ihr Begleiter, der Jungjurist mit Melone, das ist Eddi Arent. Nun wissen wir auch schon, wem sich der Flynn vorgestellt hat, der im selben Abteil reiste. Wir leisten uns nun einen Sprung: Die Erbin und ihr Galan werden entführt von einer Bande, deren Kopf wir zunächst nicht kennen, die aber eindeutige Ansichten und Absichten hat: Eine junge Frau allein sollte nicht so viel Geld haben und man möchte einen Deal mit ihr, um zu teilen. Warum eigentlich?

Sicher nicht, weil Eddi Arent ständig australische Gesetzesparagrafen zitiert. Wir verraten es schon an dieser Stelle, diese Form von aufgekratzer Wisecrackerei nervt im Verlauf des Films ziemlich. Noch nie Eddi Arent einem Wallace-Film gesehen, in welchem sein Humor so stark überdosiert eingesetzt wird.

Diese Erbschaft hat einen Hautgout, denn es geht um eine Wiedergutmachung: Der Erblasser, noch gerade lebend, will der jungen Frau sein Vermögen vermachen, weil er einst ihren Vater in den Tod getrieben hat und seinerzeit Mitglied der Bande war. Doch man versucht sich im Fliehen, was zunächst erfolglos endet.

Die Bande geht einen anderen Weg: Sie schicken ein ähnlich aussehendes Mädchen wie die junge Erbin, deren aktuelles Aussehen der Erblasser nicht kennt, zu ihm. Allerdings wird diese junge Frau bei ihrem Einsatz unter falschem Namen nicht alt, sondern wird unter den Augen oder vor den Augen des alten Mannes umgebracht.

Auch ein zweiter Ausbruch der Erbin Kent und von Mr. Westlake, so heißt Eddi Arent dieses Mal, scheitert. Es ist bezüglich einer dynamischen Handlung durchaus misslich, dass Elemente ebenjener Handlung im reinen Nichts enden. Da gefällt die Art, wie Flynn sich zum Herrenhaus des Real begibt, besser, auch wenn sie noch unlogischer ist: Dieses traute Heim steckt voller selbstauslösender Mordtechnik mit Pfeilen. Doch Flynn schafft es, geschickt oder eher zufällig, an diesen offenbar doch nicht so perfekten Gimmicks vorbeizukommen. Ich finde diesen Flynn ja ziemlich undurchsichtig, Sie nicht? Was hat er also vor?

Zwischenbilanz: Es handelt sich bei diesem Film um eine Räuberbandenpistole, in mehrfacher Hinsicht. Es könnte auch eine Entführerbandenpistole sein. Alle haben mal in einem Casino zusammengearbeitet, Flynn, der alte Mann, der so reich wurde und … ja, diese Bande. Aber Flynn, so scheint es, hat vor, sein eigenes Ding zu machen und die junge Erbin zu – schützen? Hat er sich in sie verguckt?

Das Interessante ist jetzt, wer hat welches Motiv, das ist wesentlich undurchsichtiger als in einigen anderen Filmen. Hingeben hingegen ist „Die Gruft mit dem Rätselschloss“ in einem ähnlichen Stil wie „Zimmer 13“ gehalten, den wir zuletzt rezensiert haben, und der wirkte lange Zeit wie ein zwar spannender, aber eher konventioneller Kriminalfilm, nicht gruselig oder gruftig.

Es gibt auch in „Die Gruft“ bisher keine zentrale, dämonische Figur, keinen maskierten oder hinter irgendwelchen Spiegel versteckten Mastermind, aber dieses Mal gibt es mit Sicherheit auch keine Frau, die das, was sie letztlich ist, vorher nicht erahnen lässt: Eine mehrfache Mörderin, zumindest tatbestandlich.

Interessant ist das Verhältnis des jungen, dynamischen Polizisten, der den Fall hauptsächlich bearbeitet, denn er hat gegen die Bandenmitglieder anscheinend etwas in der Hand – eine Art Panama Paper. Und die geben Miss Kent tatsächlich heraus, ohne dass die Polizei eine Befreiungsaktion starten muss. Da sieht man den Unterschied zwischen Film-im-Film-Pistolen und richtigen Realfilmen: Wo die Polizei in billigen Sekundärstreifen einfach drauf losballert, ohne auf eine Geisel Rücksicht zu nehmen, hat sie bei jenem Scotaland Yard, den sich Edgar Wallace ausgedacht hat, ganz andere Mittel, viel elegantere natürlich. Warum sieht man so etwa so selten? Weil die Polizei in der realen Echtwirklichkeit natürlich nicht Tatbestände, die auf Verbrechen deuten, zurückhalten darf, sondern sie der Justiz zur Kenntnis bringen muss. Oder sollte.

Plötzlich läuft Klaus Kinski durchs Bild, stumm. Der alte Real hingegen, so sagt er, habe seinerzeit versucht, den Vater von Miss Kent davon abzuhalten, dass er sein Vermögen an dem von ihm, Real, manipulierten Roulette-Tisch komplett verspielt. Damals waren die Kugeln des Roulette-Tisches magnetisch und unter dem Tisch war natürlich ein Magnet angebracht. Es gilt, unbedingt auszuprobieren, ob sowas tatsächlich funktioniert. Aber die Kugel muss ja nicht immer auf demselben Feld liegen bleiben, es reicht aus, dass einige Felder aufgrund der Anziehung durch den Magnet häufiger vorkommen als andere, um einen schönen Schnitt zu machen.

Der nächste, der sich mit Überwinden der selbstauslösenden Waffen im Schloss Real versucht, ist hingegen Westwerk … nein, Westphal. Himmel, ich muss scrollen! Westlake heißt er, der Eddi Arent! Er dringt dabei auch recht weit vor, wird nicht erpfeilt oder sonst umgebracht, entdeckt auch die Tür mit dem Rätselschloss, aber nicht, wie sie funktioniert. Dafür jedoch die Leiche der Frau, die Miss Kent gespielt hat. Werner Peters hingegen spielt einen Anwalt, der für Real arbeitet, selbst etwas Kasse machen wollte und er schafft es, Flynn zu überwältigen und mit einem Telefonkabel zu fesseln. Nicht der angehende, sondern der fertige Jurist ist im Vorteil, denn der mittlerweile geflohene Real hat ihm per Funk mitgeteilt, wo er eine Anleitung zum Öffnen des Schlosses findet, die er ihm bringen soll. Das tut der Antwalt natürlich nicht, sondern schreitet selbst zur Öffnung, sieht alles Glänzen dieser Welt in der Schatzkammer und stopft sich die Taschen voll, anstatt wenigstens eine Schubkarre zu organisieren. Das hat er sich jetzt verdient, dass er aus diesem modernisierten alten Verlies, in dem es fancy blinkende Leuchten und dergleichen gibt, nicht mehr rauskommt.

Wieder ein kleiner Handlungshüpfer: Jener Anwalt kommt zwar frei aus dem Verlies, aber er wird der erste Mensch sein, der in einem Edgar-Wallace-Film von einem Mühlstein zermahlen wird. Ich muss sagen, mir hat der Atem bei der Szene gestockt. Ich bin kein Slasher-Movie-Gucker und hatte einen so brutalen Moment schlicht nicht erwartet. Keine Angst, man sieht keinen zermatschten Körper, aber die Vorstellung, dass das gleich passieren könnte, hat mir gereicht. Diese brutale Tötungsart könnte auch der Grund dafür sein, warum dieser Film nicht zum „Kanon“ gehört, also nicht an Weihnachten oder so mit einigen anderen der Reihe zusammen gezeigt wird und er deshalb für unser Special erst einmal gesichtet werden musste. Das hat ihm immerhin eine ganz neue 2020er-Rezension eingebracht. Aber jener Mann, der den Anwalt geschrotet hat, der wird dann selbst aufgrund eines kleinen Fehlers, den er begangen hat, unter den Mühlstein kommen. Klaus hatte zu dem Zeitpunkt aber Nastassja schon gezeugt, sodass man nicht sagen kann: Welch ein unersetzbarer Verlust! Sondern eher: Nun wird Werner Herzog sich grämen. Zu Ende ist der Film damit aber nicht, denn was ist mit diesem Flynn, der auch in der alten Mühle zugange ist und dessen Bruders grausamem Tod wir gerade beiwohnen durften? Wir schreiben darüber noch im -> Finale.

Besonderheiten / Typizitäten der Edgar-Wallace-Filme

  • Regie: (…) Nicht viel weniger Einfluss auf die Serie (als Alfred Vohrer mit seinem eher ekstatischen und effektvollen Stil, A. d. Verf.) hatte Harald Reinl, zu dessen fünf Edgar-Wallace-Filmen das erste Werk zur Reihe Der Frosch mit der Maske sowie die Höhepunkte Die Bande des Schreckens und Der unheimliche Mönch zählen. Typische Merkmale der Filme des einstigen Heimat- und Bergfilm-Regisseurs sind stimmungsvolle Außenaufnahmen mit langen Kamerafahrten und -schwenks. Stilmittel, die Reinl vor allem auch in den durch ihn geprägten Karl-May-Filmen angewendet hat. (…)
    • „Die Gruft mit dem Rätselschloss“ zeichnet sich vor allem durch eine Unwucht zwischen grausamen Mordmethoden und übertrieben aufgekratztem Humor von Eddi Arent aus. Das heißt aber nicht, dass der Film schlecht ist. Das Austarieren ist wohl nicht so das Ding von Regisseur F. J. Gottlieb gewesen, zumindest in diesem Werk, aber spannend ist der 19. Wallace-Film und eine Auflösung, die ärgerlich ist, weil man eine Figur als Drahtzieher vorgesetzt bekommt, die man gerne auf der Seite der Guten hätte, weiß zu gefallen – gerade weil unsere naiven Wünsche nach einem Wohlfühlkrimi nicht erfüllt. Voraussetzung: Das Ende darf nicht aus dem Hut gezaubert sein. Das ist es hier aber nicht, im Gegeneteil: Es wirkt plausibler als manches andere, was man so in Film und Fernsehen als Auflösung mitansehen muss.
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • Von den „Guten“ sind einige, an die wir uns richtiggehend gewöhnt haben, nicht dabei: Fuchsberger, Drache, Lowitz – aber Kinski spielt eine wirklich passende Rolle und Eddi Arent wurde wenigstens wieder so eingesetzt, wie man ihn prinzipiell kennt.
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • Hier wird weder das Tatwerkzeug in den Titel genommen, noch die Täterfigur, sondern ein Ort, wie auch im Vorgänger „Zimmer 13“, den wir als Nr. 20 unseres „Special Edgar Wallace“ rezensiert hatten. Allerdings ist der Titel „Zimmer 13“ sehr knapp und geradezu unscheinbar. Trotzdem ist der Titel typisch, denn er rekurriert z. B. gut auf den sehr erfolgreichen „Die Tür mit den sieben Schlössern“ aus dem Vorjahr.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • Dieses Mal ist der Hauptverbrecher gar nicht maskiert, es sei denn, man sieht sein recht angenehmes Gesicht als Maske an, hinter der sich ein unangenehm habgieriges Hirn verbrigt. Allerdings ist der Mörder wiederum eine andere Person, wenn man so will, handelt es sich um einen Doppel-Whodunit oder einen geteilten Whodunit.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • Wo eine Gruft, da natürlich ein Schloss in Wirklichkeit ist es, wie wir oben gelesen haben, eine Berliner Villa und einige Szenen sind tatsächlichin London gedreht worden.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. (…)
    •  Das, was oben angegeben ist, gilt nicht durchgängig, hier fehlt z. B. noch die Farbgebung und auch die Schüsse sind nicht zu hören, auch wenn der Film aus dem Jahr 1964 stammt.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war.
    • Es werden wieder einige markante Geräusche eingesetzt. Durch „Zimmer 13“ eingenordet, wo ich die klaren klanglichen Hinweise auf den Thrill um eine Person ignoriert habe, habe ich dieses Mal genauer hingehört, aber ich glaube, dem Täter ist kein spezielles Geräusch oder Thema zugeordnet, es sind ja auch zwei Haupttäter. Dafür wird in den Gruftszenen ein bisschen die Phantasie freigelassen. Zu den blinkenden Lampen vor der Schatzkammer gibt es auch entsprechend expressive Sounds.

Finale

Das Ende ist sogar recht witzig, trotzdem verständlich, dass man sich schwer damit tut, das zweimalige Zermahlen von Menschen (beinahe wäre die Frau Kent auch noch auf diese Weise aus dem Leben geschieden!) zur Erbauung zwischen den Jahren zu senden. „Zwischen den Jahren“ gibt es nicht, aber Sie wissen, was wir meinen. Inspektor Angel betritt die Szene und auf wen muss er sich nun konzentrieren?

Flynn ist in Wirklichkeit ein Böser, welcher das Erbe eben doch an sich reißen will und irgendwie ist man doch enttäuscht. Da schlägt die Gerechtigkeit noch einmal zu: Noch während sein Bruder (Klaus Kinski) vom Mühlstein erfasst wird, löst sich aus dessen Gewehr ein Schuss, der ebenjenen Flynn trifft. Er hat mit seinem Gewehr mit Zielfernrohr auch den Mann im Kino und die Kent-Ersatzfrau vom Leben zum Tode gebracht. Warum? Wenn man etwas nachdenkt, ist es klar: Die Bande hat mit ihren Aktivitäten den Plan der Brüder Flynn gestört. Der alte Real stirbt hingegen an einem Herzinfarkt.

Immerhin lässt sich eine gewisse Vermutung aufstellen, warum „Zimmer 13“ und „Die Gruft mit dem Rätselschloss“ nicht zu den Lieblingen für die gemütliche Jahreszeit zählen: Sie sind vergleichswese grausam und humorarm, wenn auch überraschend. Auch diese eigentlich gute Eigenschaft für einen Krimi teilen sie, wobei „Zimmer 13“ diesbezüglich mehr herausragt und auch eine traurig-bedrückende Note hat, weil man nicht gerade froh ist, dass eine Person, die schwer traumatisiert ist, sich dem Morden hingeben muss, weil sie nicht anders kann. So viel Mitleid hat man in „Die Gruft mit dem Rätselschloss“ nie, eher fühlt man sich durch die Todesfälle am Ende etwas abgestoßen, wenn man entsprechend sensibel ist. Aber in beiden Filmen steht wiederum nicht der Effekt im Vordergrund, sondern die Kriminalhandlung. Miss Kent lehnt am Ende das Erbe ab. Mit diesem Blutgeld will sie nichts zu tun haben. Das gibt zwei bis drei Extrapunkte, denn damit ist sie ethisch allen Kapitalisten voraus, die ich kenne.

71/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

  1. Angaben aus der Wikipedia

Begleitartikel „Special Edgar Wallace“ (Update)
Filmfest News 1 (beinhaltet das 2. Update zum „Special Edgar Wallace“ – vorliegender Artikel)
FFA 61 Der Frosch mit der Maske
FFA 63 Der Rächer
FFA 65 Der grüne Bogenschütze
FFA 67 Die toten Augen von London
FFA 70 Der rote Kreis
FFA 72 Das Geheimnis der gelben Narzissen
FFA 74 Die seltsame Gräfin
FFA 76 Das Rätsel der roten Orchidee
FFA 78 Die Tür mit den sieben Schlössern
FFA 80 Das Gasthaus an der Themse
FFA 83 Die Bande des Schreckens
FFA 85 Der Zinker
FFA 88 Der schwarze Abt
FFA 91 Das indische Tuch
FFA 94 Der Hexer
FFA 97 Neues vom Hexer
FFA 102 Der Fälscher von London
FFA 107 Der unheimliche Mönch
FFA 112 Zimmer 13
FFA 117 Die Gruft mit dem Rätselschloss (dieser Beitrag)

Regie Franz Josef Gottlieb
Drehbuch Robert A. Stemmle,
Franz Josef Gottlieb
Produktion Rialto Film
(Horst Wendlandt, Preben Philipsen)
Musik Peter Thomas
Kamera Richard Angst
Schnitt Jutta Hering

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