„Zum Wegwerfen. Warum das Geschäftsmodell der großen Textilkonzerne in die Mülltüte gehört“ (Ralf Wurzbacher, Nachdenkseiten) #H&M #Primark #Zalando #Textilien #Klamotten #Wegwerfgesellschaft #Konsum

Wir schreiben schon recht oft über den Mietenwahnsinn geschrieben, unser letzter Artikel in der Reihe empfohlener Beiträge widmete sich dem Kriegswahnsinn. Aber es gibt so viele Formen von Wahnsinn auf der Welt, dass man sich langsam fragt – was ist eigentlich (noch) normal?

Schon lange triggert uns eine weitere Form des Wahnsinns, die wir auch in unserem täglichen Leben deutlich wahrnehmen können.

Wir müssen es leider zugeben: In uns kommen Mordgelüste ungute Gefühle hoch, wenn in der U-Bahn verblödete Gesichter Menschen mit so vielen Primarktüten zusteigen, dass außer den Tüten nur noch die Gesichter erkennbar sind, respektive die Augen, die ob der Tragelast intensiv nach einem Sitzplatz suchen. Das ist deshalb so erschütternd, weil wir uns normalerweise nicht nur handlungsseitig gut im Griff haben, sondern von unserer Abneigung selten so weit getrieben werden. Von der Gruppe der Primarktüten-Träger*innen abgesehen, widmen wir diese Art von Emotion nur hin und wieder Einzelpersonen, zum Beispiel einzelnen SUV-Fahrer*innen.

Kürzlich hat Ralf Wurzbacher in den Nachdenkseiten den Artikel veröffentlicht, nach dem wir lange gesucht haben. Oder: Der genau das beinhaltet, was wir eigentlich alle wissen, aber was in gut erklärter Form mal zusammengefasst werden musste. Studien dazu gibt es natürlich, auf eine davon bezieht sich Wurzbacher. Was man allüberall feststellen kann, ist Gedankenlosigkeit und das Endergebnis ist der Klamottenwahnsinn.

Wie, bittesehr, sollen wir in Sachen Nachhaltigkeit vorankommen, wenn in den wichtigsten Bereichen des Konsums die Sitten dermaßen rasch zerfallen wie beim Kleiderkauf? Der Artikel befasst sich mit den Zahlen, den Folgen, aber eines tut er nicht: Er schaut nicht in die Köpfe der Konsument*innen, die sich so verhalten. Wir können es natürlich auch nicht, dazu fehlt uns der engere persönliche Zugang zum betreffenden Klientel und für Feldstudien mit vielen Interviews etc. haben wir hier nicht die Mittel. Leider erfasst der etwas kantige erste Absatz mit den bewusst erhaltenen Streichungen nicht die ganze Wahrheit. Primark ist ja nur ein besonders furchtbares Symbol, wie etwa die Deutsche Wohnen SE für den Wohnungsmarkt. Es gibt viele Hersteller, bekannte Namen, die kaum anders zu bewerten sind.

Wir kennen Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, die bei Primark einkaufen gehen. Als wir das erstmalig mitbekamen, Filialen dieses irischen Unternehmens gibt es in Berlin noch nicht so lange, konnten wir’s eigentlich nicht fassen, aber wir versuchten dann, weniger faktenreich – wir kannten ja den Artikel von Herrn Wurzbacher noch nicht -, jedoch umso dramatischer zu erklären, was sie damit ihrem Konsumverhalten anrichten, wo sie doch eigentlich einen Blick auf andere und deren Wohlergehen haben müssten. Ob’s genützt hat? Lieber nicht nachhaken.

Aber so ist das – aus den Augen, aus dem Sinn. Wer war denn schon einmal in Bangladesch und hat sich die Folgen seines Konsumrauschs in den dortigen Textilklitschen angeschaut?

Und dann gibt es ja noch die neoliberalen Schlaubis, die behaupten, durch diese Art von globaler Arbeitsteilung werden die Ärmsten aus der schlimmsten Armut geholt. Tatsächlich? Bitte mal den Artikel in den Nachdenkseiten lesen, da steht drin, wie wenig den Malocher*innen zum Leben bleibt und wie krank diese Jobs außerdem machen.

Wir, also wir selbst, sind allerdings nur soviel besser, wie das Portemonnaie es zulässt. Unsere Adidas- oder Nike-Jogginghosen sind auch in Kambodscha hergestellt, sonst wären sie nicht für 40 oder 50 Euro zu haben gewesen, sondern würden, wenn in Deutschland oder auch nur in irgendeinem günstigeren EU-Land gefertigt, das Doppelte kosten. Und erst die Laufschuhe! Was wären die dann aber was von teuer. Wirklich? Wir wollen lieber nicht wissen, welche absurden Gewinnenspannen gerade mit Sportschuhwerk erzielt werden.

Das ist die andere Seite: Das Kapital hält für die weniger Betuchten die Erzählung von der Teilhabe aufrecht, indem es immer neue billige Werkbänke sucht, um den Konsum voranzutreiben. Wir schrieben es zuletzt in der Besprechung des Norbert-Häring-Artikels „Es gibt keine Kliimarettung aus der Portokasse„: Wir müssen uns dringlichst andere Befriedigungen suchen als den Konsumrausch auf Kosten der Ausgebeuteten dieser Welt und auf Kosten der Ressourcen, die für diesen Irrsinn immer mehr in Anspruch genommen werden.

Sonst muss es doch kommen, wie im hier empfohlenen Text immerhin angedacht: Der Staat wird einschreiten und diese Form von Konsumwansinn bremsen müssen. Die Umwelt, das Klima, erfordern es dringend. Das tut er bei anderen Artikeln ja auch schon, wenn auch nicht entschieden genug. Bei Weitem nicht entschieden genug und die Verbotsarien, die wir schon haben und die noch kommen werden, sind allzu verführerisch, weil man mit ihnen auch Demokratie- und Freiheitsbegrenzungen gleich mitinstallieren kann. Letzteres ist ohnehin dann unvermeidlich: Die allgemeine Handlungsfreiheit begrenzt sich aber am Wohlergehen anderer, das ist durchaus im Sinn der Erfinder, bezogen auf gültigen Normen also derer, die das Grundgesetz gemacht haben.

Wenn die Menschen es nicht freiwillig einsehen wollen, was bleibt dann auch anderes übrig? Und in diesem Fall hauen wir nicht nur auf das Kapital ein, wie berechtigterweise beim Wohnen, das nach wir vor kein Konsumartikel ist, sondern ein unverzichtbares Element der Daseinsvorsorge. Das ist Bekleidung natürlich auch, aber nicht in dem Sinn, wie sie heute von den meisten betrachtet wird: Als Wegwerfartikel.

Beim Klamottenkauf sind wir alle schuldig und auch das wollen wir hier mal anmerken: Der eine oder andere Fairkauf ändert daran so gut wie nichts, zumal er nicht die Wissenden von den Dummen, sondern die Begüterten von denen, die sich das nicht leisten können, scheidet – wie bei den Lebensmitteln. Hinzu kommt, dass wir zunehmend skeptisch gegenüber diesem Placebo-Ökologismus sind: Zehn fair gekaufte T-Shirts geben den Prodzenten eine etwas besserere (aber sich nicht im engeren Sinn faire, also für ein gutes Leben ausreichende) Entlohnung, sind vielleicht nicht überwiegend aus schädlichen Stoffen und mit schädlichen Prozessen hergestellt, verbrauchen aber bei der Herstellung genauso viele Ressourcen, vor allem Wasser, wie zehn Produkte ohne Ethik-Wohlfühl-Label. Die Menge insgesamt muss also reduziert werden. Vielleicht doch lieber fünf statt zehn und die mal ein Jahr lang tragen, abwechselnd mit den zehn vom vergangenen Jahr?

Höherwertige Bekleidungsprodukte haben einen weiteren großen Vorteil, selbst, wenn man sie nicht so lange verwenden mag: Sie können in der Regel an Second-Hand-Läden weitergegeben oder auf Plattformen verkauft werden und damit an Menschen, die nicht so narrisch auf die allerneueste Mode sind, die sich eh kaum von der des letzten Jahres unterscheidet, die für die Hälfte des Preises jedoch ebenfalls recht gut angezogen sind.

Das ist durchaus sozial und egalitär gedacht und sehr ressourcenschonend. Der im wörtlichen Sinn betuchte Neukäufer erhält noch etwas fürs Abgelegte, kann seinem Händlersinn dabei ein wenig frönen und der Zweitkäufer freut sich darüber, dass er, Inhaberspanne beim Verkauf in Läden eingerechnet, ein gutes Produkt erwirbt.

Wer sich mehr in dieses Thema vertiefen möchte, der findet im empfohlenen Beitrag auch einen Link zu der Studie, auf deren Basis er im Wesentlichen erstellt wurde. Das Konsumverhalten beim Kleiderkauf ist für uns ein besonders sichtbarer Beweis dafür, dass sich im Grunde nichts vorwärts, sondern eher rückwärts bewegt und dass es zu viele Menschen gibt, die überhaupt nicht an der Entstehung des ökologischen Bewusstsein teilnehmen. Bei Lebensmitteln ist das nicht ganz so eindeutig, weil sich ganze Einkommensschichten längst keine Biosachen leisten können und gegessen werden muss ja doch.

Dabei spielt, im Gegensatz zur Bekleidung, die Dauer der Verwendung eine andere Rolle, das ist der entscheidende Unterschied. Lebensmittel werden in der Regel kurzfristig verbraucht, das ist der Zweck ihres Erwerbs. Klamotten werden aber kaum mehr getragen, bis sie sie die ersten Verschleißerscheinungen ausweisen. Verrückterweise wird sogar Armut dadurch mitdefiniert, ob jemand sinnlos vor sich hin konsumiert oder seine Anziehsachen behält, bis sie abgenutzt sind. Noch jemand da, der so ein Lieblingsstück besitzt, das er tragen möchte, bis das Auseinanderfallen des Teils dann doch den Abschied auslöst?

TH

EBA 38

Kritisch schauen und immer wieder Beiträge außerhalb des Mainstreams und vor allem jenseits unserer aktuellen Zentralthemen lesen, über die wir selbst schreiben – das ist eine Aufgabe, die der Wahlberliner sich gestellt hat. 

Wir empfehlen. in der Regel kommentieren wir die Empfehlungen kurz oder versuchen, die darin geäußerten Gedanken weiterzuführen. Unsere bisherigen Empfehlungsbeiträge der Serie „Jeden Tag ein Blick nach draußen“: 

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