SUVs: Botschaft von Rücksichtslosigkeit, Herrschsucht und vermeintlicher Überlegenheit (Detlef zum Winkle, Telepolis) / #SUV #Automobil #Rücksichtslosigkeit #Sozialverhalten #Verbrauch #Klima #Ökologie #Ressourcen

Kehren wir also zurück aus den USA, wo es ums Ganze geht. „Werden die USA sozialistisch?“ nannte sich der Artikel, den wir zuletzt besprochen hatten. Anhand der SUVs, die dort sehr beliebt sind, ließe sich das unter einem anderen Blickwinkel betrachten – aber am meisten werden Trucks, also Pickups, gekauft, und die haben sich doch aus einer wenig ansehnlichen, aber praktischen Gattung von Nutzfahrzeugen für Farmer heraus entwickelt. Nicht so die SUVs, die von den Geländewagen abstammen.

Wir hatten uns bereits zum Automobil im Allgemeinen geäußert – und müssen dem heute zwangsläufig die Spitze aufsetzen. Denn es geht um die SUVs, die ärgerlichste Form automobilen Wahns, die vor keiner noch so verstopften Stadt, vor keiner noch so engen Wohnstraße halt macht.

SUVs: Botschaft von Rücksichtslosigkeit, Herrschsucht und vermeintlicher Überlegenheit, lautet ein Telepolis-Beitrag, den Detlef zum Winkel am 21. Juni 2019 veröffentlicht hat.

Das ist schon deshalb erstaunlich, weil diese Autos nur noch in Normgaragen passen, wenn man die Spiegel abklappt. Nicht so schlimm, sie haben ja Distanzwarner und Kameras an Bord. Aber demnächst wird trotzdem die Grenze des Größenwachstums erreicht sein. Solange zu warten, bis Verbraucher*innen selbst zur Vernunft kommen, das funktioniert auf vielen Gebieten nicht und widerlegt gleichzeitig ein Wirtschaftsnarrativ, das interessanterweise vor allem dorther kommt, wo es früher mit der Angebotspolitik nicht so weit her war, nämlich von links: Würde die viel zu wenig innovative Industrie bloß die richtigen Produkte anbieten, würden sich die Verbraucher viel ökonomischer und ökologischer verhalten. Sie tut es aber nach dieser Erzählung nicht, weil jene Industrie ein Oligopol ist, das konsequent die Wünsche der Konsumenten missachtet.

Das kann wohl nicht stimmen. Denn wie ist es möglich, dass in Deutschland in 2018 knapp eine Million SUVs als Neufahrzeuge zugelassen wurden (nach anderen Angaben waren es sogar erstmals über eine Million), während man doch viel Geld auch gleichzeitig in nette E-Autos stecken könnte, wie etwa den Renault Zoe, der auch nicht so viel Platz wegnimmt wie ein SUV, der sich gut fürs Carsharing in der City eignet und dergleichen Vorzüge mehr. Wir haben schon Beiträge besprochen, die auf die E-Mobilität ebenfalls einen kritischen Blick werfen, aber das ist ein anderes Thema, sozusagen hinter dem Horizont nicht nur des SUV-Fahrers angesiedelt. Heute geht es um den Exzess der spätrömischen Konsumdekadenz, den 2-und-mehr-Tonnen-SUV, der von allem mehr verbraucht als normale Fahrzeuge: Mehr Ressourcen bei der Produktion, mehr Kraftstoff, mehr Platz, mehr Energie, falls es zu einem Unfall kommt. Passiert das, hat ein „normales“ Auto als Gegner bzw. dessen Insassen wenig Chancen. Sicher spielt das eine Rolle beim SUV-Kauf. Alle wollen in dieser unsicheren Weltlage so viel wie möglich für die eigene Sicherheit tun. Dass diese Bunkermentalität ebenfalls hinterfragt werden muss, werden wir demnächst anhand eines weiteren Besprechungsartikels darlegen. Jedenfalls ist es kein Grund, SUVs zu kaufen und mit ihnen die Kinder bis vor die Schule zu fahren. In forciertem Tempo natürlich. Man ist ja immer so im Zeitdruck. Darunter werden übrigens auch viele Jugendliche sein, die bei den FFF demonstrieren, nebenbei bemerkt – weil die FFF im hier besprochenen Artikel erwähnt werden und weil es ja überhaupt nicht vorangeht mit dem Kampf gegen den Klimawandel.

Telepolis-Autor Detlef zum Winkel sieht eher Protzgehabe, um es auf einen schlichten Punkt zu bringen, als Sicherheitsbedürfnis hinter der Sucht, immer riesigere Autos fahren zu müssen. Es wirkt wie in den USA der 1950er, als die Autos in Dimensionen vorstießen, die sich zuvor niemand vorstellen konnte. Allerdings war das auch ein Ausdruck von Plenty of Plenty, von dem bei derzeitiger Wirtschaftslage keine Rede sein kann. Das macht die SUV-Mania psychologisch noch interessanter, weil hier eine riesige Lücke zwischen Anspruch und ökologischer und auch ökonomischer Wirklichkeit klafft, den es vor 60 und auch vor 50 Jahren noch nicht gab, obwohl damals schon klar war, dass noch größer einfach nicht mehr vernünftig fahrbar ist und bei etwa 6 Metern Länge das finale Ende des Pkw-Wachstums auch in den USA erreicht wurde.

Interessant ebenfalls: Ausgerechnet in der Zeit der Reagonomics zwang die US-Regierung die Autohersteller rigoros, die Verbräuche zu drosseln. Die Verbraucher waren es nicht, es war eine politische Vorgabe. Die Motorleistungen schrumpften dramatisch und die Außenmaße ebenfalls, weil die früheren Karossen mit den neuen Motoren nicht mehr auf Tempo gekommen wären. Das war auch die Zeit, als der weltweite Siegeszug der deutschen Premium-Automobile begann, die vorher zwar als feine Produkte anerkannt, aber doch eher Exoten mit geringen Exportzahlen waren. Der Grund ist einfach: In Deutschland fand ein vergleichbarer Prozess nicht statt, die Autos wuchsen tendenziell von einem vernünftigen Maß aus weiter. Mit der Einführung der Katalysatortechnik sanken die Motorleistungen ein wenig, aber seit den 1990ner geht es ungebrochen aufwärts.

Das traf sich hervorragend mit dem Wunsch der Amerikaner, wieder große und starke Autos fahren zu können. Heute sind die Spitzenprodukte der deutschen Marken, der Japaner (Lexus) und der Amerikaner fast gleich groß und auch ähnlich motorisiert, wobei die Deutschen mit ihren Tuning-Versionen von AMG oder der BMW-M-Linie immer noch eins draufsetzen. Aber da geht es in den USA, anders als in Berlin-Neukölln, um geringe Stückzahlen pro Einwohner. Stilistisch gibt es erstaunlich große Unterschiede – bei den Limousinen, nicht bei den SUVs.

Die sehen ab einer gewissen Größe alle gleich klotzig aus. Ob bei Land Rover, Mercedes mit dem GLS, BMW mit dem neuen, unfassbaren Über-SUV X7 oder bei den Luxusmarken, die alle mittlerweile auch SUVs im Angebot haben. Selbst auf welche, die früher nur Sportwagen herstellten, trifft das zu: Der Backstein ist eindeutig das Design-Vorbild. Der Backstein ist das Symbol für trotzigen Widerstand gegen die Luft und eigentlich gegen alles Moderne, denn den Backstein gibt es schon sehr lange. In seiner immobilen Form natürlich.

Wie kann ein Backstein die Mentalität der heutigen Konsumenten bestimmen? Die Platte und die Pappe haben sich nicht durchgesetzt, aber die SUV-Mania kann möglich eine Spätfolge davon sein, zumal nicht in Ländern, in denen es keine planwirtschaftlichen Episoden gab.

Deutschland ist ja nicht allein betroffen, obwohl der Hang zum dicken Auto hier immer schon recht ausgeprägt war – im Vergleich zum übrigen Europa natürlich, nicht zu den USA. Der Telepolis-Autor sieht den SUV-Backstein als Ergebnis verkümmernder sozialer Fähigkeiten an und Verkümmerung schafft nicht zuletzt eine gewisse Mangel-Uniformität. Oder jene Fähigkeiten waren nie vorhanden, aber irgendwie kam man zu Wohlstand und kann jetzt demonstrieren, dass sie nie vorhanden waren. Wie dieser Wohlstand, falls dies das richtige Wort ist, die richtigen Bilder evoziert, in gewissen, bereits an einem Beispiel erwähnten Stadtvierteln entsteht, wissen wir alle, aber wir schreiben es nicht, denn wir haben ja jene Fähigkeiten, die den SUV-Eignern abgeht. Weil die Sozialromantik uns halt auch wichtig ist, wollen wir hier keine Spalterei zwischen verschiedenen Nutzergruppen von SUVs anzetteln, zumal wir dann auch in den Blick nehmen müssten, ob Tuningbetriebe, die ich um Coupés, Cabrios und Limousinen kümmern, ohne diese Nutzergruppen überlebensfähig werden. Mithin alles, was im Autobereich noch einigermaßen Kohle pro Stück bringt.

Alles hilft der Wirtschaft, auf die eine oder andere Weise, noch ein bisschen weitermachen zu können wie bisher. Wie sehr es uns allen schadet, am Ende auch eine gute ökologische Transformation ebenjener Wirtschaft verhindert, werden wir noch sehen. Möglicherweise sehr bald, wenn in Deutschland die Pkw-Produktion weiter so vehement zurückgeht wie gerade zurzeit. Da hängen weitere Wirtschaftszweige dran, das könnte einen Domino-Effekt auslösen.

Eine individuell gestartete Petition (ohne parteipolitische Bezüge, wie der Autor dieser Zeilen bezeugen kann, der zu den Unterzeichnern gehört) verlangt „eine Klima- und Sicherheitsabgabe in Höhe von 50 Prozent auf den Bruttokaufpreis“ eines SUV. Städte und Gemeinden sollen dabei unterstützt werden, „den Gebrauch von Geländewagen und SUVs in ihren Einzugsbereichen möglichst bald zu untersagen“. Wer rasch unterschreibt, kann sich später rühmen, zu den ersten tausend Unterstützern zu gehören.

So endet der Beitrag von Detlef zum Winkel in Telepolis. Wir haben jetzt auch unterzeichnet. Ehrlich geschrieben, es geht etwas langsam voran, mit der Unterstützung für die Petition. Vielleicht sehen viele doch einen Unterschied zwischen Klimapolitik und SUV-Nutzung. Schade. Wir machen uns eher Sorgen darüber, dass der Wirtschaftsabschwung wieder andere Prioritäten setzen wird.

TH

EBA 43

Kritisch schauen und immer wieder Beiträge außerhalb des Mainstreams und vor allem jenseits unserer aktuellen Zentralthemen lesen, über die wir selbst schreiben – das ist eine Aufgabe, die der Wahlberliner sich gestellt hat. 

Wir empfehlen. in der Regel kommentieren wir die Empfehlungen kurz oder versuchen, die darin geäußerten Gedanken weiterzuführen. Unsere bisherigen Empfehlungsbeiträge der Serie „Jeden Tag ein Blick nach draußen“. Ab dem 42. Empfehlungsbeitrag nehmen wir eine erste Gliederung vor und stellen die Artikel „Dossier USA“ besonders heraus.

Dossier USA

  • Bisher wurde nur der vorliegende Artikel als Kommentar zu „Werden die USA sozialistisch?“ von Florian Rötzer, Telepolis, hier eingegliedert.

Andere Beiträge

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s