Auch ein Blog schreiben ist Klimakacke #Scham #Googlescham #Flugscham #Kacke #Energieverbrauch #FFF #Klimawandel #Klimaschutz #Google #Netflix #Konsum #Nachhaltigkeit #Klima #Umwelt /

Es ist nicht nur wie verhext, es ist verhext. Mit der Nachhaltigkeit.

Wir schreiben gegen dicke Autos, gegen Autos überhaupt, mindestens schon fünf Beiträge gibt es in dieser Rubrik dazu – und es fühlt sich richtig an. Wir weisen darauf hin, welche verheerenden Auswirkungen auf das Klima zu viel menschliche Arbeit hat und diese Einsicht liefert endlich das korrekte Narrativ für unsere immer schon vorhandenen Zweifel am Sinn des normalbürgerlichen Lebens, vulgo Tendenz zur Faulheit. Wir wissen trotzdem, dass Klimaschutz nicht aus der Portokasse bezahlt werden kann, aus unserer schon gar nicht.

Wir nickten auch beifällig, als der Artikel von Nina Scholz in „Der Freitag“ mit dem Titel „Aus Scham wird selten Wut„, den wir als Ausgangspunkt unserer Überlegungen verwenden, mit der #Flugscham begann. Alles gut mit uns. Seit wir in Berlin leben, finden wir a.) Die Stadt zu interessant, um sie häufiger zu verlassen, b.) reduzierte sich unser Gehalt noch schneller als die Flugpreise und c.) haben wir keinen Job mehr, der häufige Flüge zwingend erfordert, wobei „zwingend“ der Zwang ist, das zu tun, was der Arbeitgeber verlangt und wozu er vertraglich auch berechtigt ist.

Vermutlich hängt wieder alles miteinander zusammen, wie immer, also a.) und b.) und c.) treffen in einem bestimmten Verhältnis zusammen, um uns vom Fliegen viel mehr abzuhalten als früher.

Aber dann wurde es kritisch. Was, bitte, ist #Googlescham? Dürfen wir jetzt nicht mal mehr den ganzen Tag bloggen und dabei weltwichtige Tatbestände recherchieren, wenn wir nicht gerade doch ein wenig für Geld was tun? Arbeit, das haben wir längst definiert, ist Bloggen auch und deswegen nennen wir es subjektiven Journalismus.  Wir arbeiten also eigentlich immer noch oder schon wieder zu viel und damit sind fädeln wir zielsicher ein. Zu viel Arbeit schadet der Umwelt.

Damit könnten wir es schon genug sein lassen, denn die Logik ist – sic! – zwingend, die daraus entsteht: Geht mehr raus in den Park und lest gute, systemkritische Bücher, anstatt immer am Smartphone zu daddeln oder irgendwas – naja, irgendwas zu recherchieren und damit die Google-Server zum Stromverbrauch anzuregen. Wir verwenden wirklich überwiegend Google, obwohl wir ethisch wertvollere Suchmaschinen und Browser als Google Search und Chrome auf dem Rechner haben. Einfach, weil Google schneller, umfangreicher und sogar vorrangig Ergebnisse mit Relevanz und auf Deutsch liefert. Das kann leider keine Suchmaschine besser und Zeit ist – naja, Geld eher nicht, beim Bloggen, aber Output.

Das Smartphone ist für uns aber nur ein Nebenprodukt und, ja, wir haben das letzte trotz Auslaufen des Vertrages „mit Telefon“ im Februar 19 behalten, aus Gründen der Nachhaltigkeit. Leider hatten wir den richtigen Umstiegs-Kündigungszeitpunkt verpasst, haben also eigentlich immer noch einen Vertrag „mit“ und konnten ihn nur etwas runterhandeln. Bei uns kostet Nachhaltigkeit jedenfalls mehr, als andere dafür zahlen, die einen Vertrag „echt ohne“ haben. Und wir benutzen das Teil wirklich nur, wenn es sein muss, uns reicht 1 GB Datenvolumen aus, wir sind da ganz strikt – kein Firlefanz, ein Telefon ist zum Telefonieren da. Bestenfalls noch zum Whattsappen.

Wird dadurch wirklich alles wenigstens mittelgut, nachdem uns nun durch den Beitrag von Nina Scholz die #Googlescham erreicht und wieder mal aus der Ökobalance gebracht hat?

Letzte Woche erstanden wir einen neuen Rechner. Was dessen Produktion an Ressourcen verschlungen hat (und wie die Arbeiter*innen, die ihn vermutlich in China hergestellt haben, ausgebeutet wurden, bis er endlich verschifft wurde und erst der Dreck des Containerschiffs beim Schippern), wollten und wollen wir uns gar nicht ausmalen. Und der Transport auf der Autobahn bis zum Tempelhofer Media Markt. Die Lagerung. Das mit dem Auto hinfahren, um ihn zu kaufen, weil wir nicht gerne Teile in der U-Bahn mit uns schleppen, die noch Garantie haben, wir könnten in eine Schlägerei geraten und dann ist es Eigenverschulden, wenn was kaputtgeht (ist uns noch nie passiert, aber meistens kommt es blöd, wenn es gerade ungünstig ist).

Last, bei weitem nicht least – die Energie, die der Neue jetzt wieder, genau wie der Alte, beim vor sich hin Laufen frisst. Es ist sogar etwas mehr, weil er wieder etwas leistungsstärker geworden ist. Dafür haben wir im vergangenen Jahr einen ultraleisen (Lärmemission = Umweltverschmutzung), ökologisch auch sonst famosen Miele-Staubsauer angeschafft, der nur noch 550 Watt benötigt. Der Vorgänger zog auf Höchststufe 1,3 KW/h aus der Steckdose. Die EU-Administration, der eigentliche Hort technischer Innovation, hat es hinbekommen, dass solche Teile mit der Hälfte an Energie immer noch mehr als die Hälfte an Leistung aufweisen. Haben wir schon erzählt, dass wir den Neuen jetzt immer auf Max laufen lassen, während das frühere Modell auf halbe Kraft voraus locker genug Wollmäuse und Spinnen und sowas einsaugte?

Okay, Fake News. Diesen Rebound-Effekt gibt es ausnahmsweise nicht. Aber er wäre nicht untypisch für das, was häufig unter Energie sparen verstanden wird. Vor allem dort, wo es richtig viel Energie zu sparen gibt, etwa bei den Bauwerken und dem, was im Ganzen so darin verbaut ist und darin betrieben wird.

Beklagenswerterweise aber läuft der Staubsauger bei uns nur ein paar Minuten pro Woche, der Computer eher ein paar Minuten alle paar Minuten. Wieder geht die Rechnung nicht auf.

Aber nun das Trumpf-As. Wir schauen gar kein Neflix. Wirklich wahr. Wir könnten, unser Fernseher und unser Telekom-Dienst sind dafür eingerichtet. Wir haben bisher aber einfach kein Abo abgeschlossen. Das ist wieder ein Schritt hin zu mehr Nachhaltigkeit. Da schonen wir uns selbst überhaupt nicht, konsumeinschränkungsmäßig. Wir haben es schon lange geahnt, dass auch Netflix Nebenwirkungen hat. Also, weitere Nebenwirkungen neben einfach zu viel Zeit vor der Glotze. Vermutlich haben eher die obigen Gründe a.) und b.) eine Rolle gespielt, als es um die Entwicklung einer Haltung zu Netflix ging, aber es zählt, was hinten rauskommt. Das hat schon Helmut Kohl gewusst. Das Ergebnis salviert die Motive.

Aber was ist eigentlich das Schlimme an Netflix? Der Online-Store? Die Serverkapazität, die Cloud, was immer zum Speichern verwendet wird und das Streamen, das Energie kostet? Vermutlich ja. Was ist mit unserem Magenta-Dingsbums, das auch Fernsehen einschließt und das man eben auch auf Netflix erweitern könnte. Ist das ein anderes, besseres Prinzip? Geht es auch um den Energieverbrauch des Abspielgeräts? Und um das Stand-by des Media Receivers, das wir immer eingeschaltet haben, weil der Apparat fast jeden Tag irgendwas aufzuzeichnen hat? Vermutlich ist es doch nachhaltiger als das große Netflix-Reservoir zu verwenden, einfach nur laufende Fernsehsendungen anzuzapfen und sie zeitversetzt anzuschauen. Hoffentlich. Ein bisschen.

Und der Neue, der neue Computer, der fragt uns ständig danach, ob wir nicht ein bisschen mehr clouden möchten. Google hat eine Cloud für uns, es gibt getrennt davon die Dropbox, die ist vorinstalliert und jedes unserer Mailpostfächer bietet uns einen Online-Speicher an. Es sind noch mehr solche Sachen da, die uns bisher gar nichts sagten. Neue Technik ist immer auch ein Abenteuer. Ach ja, unser Trello-Orgabord, das unter anderem die Schreibplanung beinhaltet und sogar unser Blog „Der Wahlberliner“ sind – cloudbasiert, was sonst. Die Inhalte sind in einer Wolke beheimatet, die sich auch mal verziehen könnte, wenn der Strom ausfällt oder auch nur das Internet mal weg ist. Dann säßen wir ohne alles da. Außer dem, was in Ordnern abgelagert ist oder den Schreibtischstapel bildet – und das, so haben wir uns vorgenommen, wird weniger und weniger werden. Und immer größere externe Festplatten sind keine böse schwarze Cloud, um das festzuhalten, die lassen sich nämlich festhalten. Wieso wird eigentlich eine Wolke immer mit diesen weißen Wattebäuschen assoziiert? Wir haben dieses Jahr schon dunkelgraue Gewitterwolken gesichtet und neben vielen Blitzen, die doch nicht so ungefährlich sind und just darauf hinweisen, was passieren könnte, wenn ein Blitz die Berliner Haupt-Überland-Zuleitung trifft.

Egal, wie man zur Cloud steht, das zunehmende Ausweichen der Weltbevölkerung ins Virtuelle kostet reale Energie.

Und das ist bedenklich. Daher sind die #Cloudscham, die #Netzscham, die #SocialMediaScham als Oberbegriff für die #Twitterscham, die #Facebookscham  und die #Instagramscham und viele weitere Einzel-Schammodule allemal angebracht. It’s a #shame!

Uns wird erst richtig klar, dass unser ökologischer Fußabdruck gar nicht so viel kleiner ist als der eines Panzerfahrers („Der Freitag“ machte am 4. Juli mit einem Privatpanzer auf der Titelseite auf, also einem der SUVs, über die wir periodisch ablästern). Womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären. Jedes Lebenszeichen, das irgendwas mit Technik zu tun hat, welche Ressourcen bei der Herstellung, im Betrieb und später bei der Entsorgung verbraucht, ist ökologisch bedenklich. Punkt.

Unser Gewissen können wir jetzt nur noch beruhigen, indem den Ausstoß an ethisch hochwertigen Artikeln so lange steigern, bis wir eine Art innere Balance fühlen. Ablasshandel im Zeichen des Klimawandels. Aber nicht so erleichternd wie früher in der Kirche, weil uns niemand Absolution erteilen wird.

Und ein bisschen aktivistisches Mimimi hilft dem schwer mit alltäglichem Nachhaltigkeits-Fehlverhalten Beladenen auch nicht. Ah, da draußen! Sonne! Lasst uns alle rausgehen und was Altes, was keine weitere Papierproduktion verursacht, lesen! Wir schrieben: GEHEN!

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

EBA 51

Kritisch schauen und immer wieder Beiträge außerhalb des Mainstreams und vor allem jenseits unserer aktuellen Zentralthemen lesen, über die wir selbst schreiben – das ist eine Aufgabe, die der Wahlberliner sich gestellt hat. 

Wir empfehlen. in der Regel kommentieren wir die Empfehlungen kurz oder versuchen, die darin geäußerten Gedanken weiterzuführen. Unsere bisherigen Empfehlungsbeiträge der Serie „Jeden Tag ein Blick nach draußen“. Ab dem 42. Empfehlungsbeitrag haben wir eine erste Gliederung vorgenommen und stellen die Artikel „Dossier USA“ besonders heraus, eine weitere Aufteilung erfolgt ab EBA 45 mit dem Thema Kinder, Bildung, Erziehung.

Dossier Kinder, Bildung, Erziehung

Dossier USA

Andere Beiträge

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s