Das Geheimnis der weißen Nonne (The Trygon Factor, GB / DE 1966) #Filmfest 147 DGR #EdgarWallace

Filmfest 147 A "Special Edgar Wallace" (27) / "Die große Rezension"

2020-08-14 Filmfest ADas ist geschmacklos!

Es ist kein hervorstechendes Merkmal der Wallace-Verfilmungen, dass sie besonders geschmackvoll sind, doch nicht immer war die Kritik daran so deutlich wie bei „Das Geheimnis der weißen Nonne“:

Das Lexikon des internationalen Films ordnet den Film hingegen schlicht als „geschmacklos und brutal“ ein,[4] wie auch der Evangelische Filmbeobachter, der jedoch als „Gipfel der Geschmacklosigkeit“ konkret die Gastodszenen nennt. Der Film von „der üblichen Machart“ der Edgar-Wallace-Filmreihe sei deshalb „abzulehnen“.[5] moviesection.de bedauert, dass neuere Filme der Reihe nicht mehr „den beißenden Witz“ und die „schauerliche Atmosphäre“ wie die älteren Filme besitzen würden.[6] (1)

Wie bewertet man dies alles fast 55 Jahre nach der Premiere des Films? Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung (1)

Bei seinen Recherchen zu mehreren Raubüberfällen in London, zuletzt ein Juwelenhändler, stößt Inspector Thompson von Scotland Yard auf das Landgut der Familie Emberday, die dort das Nonnenkloster des Ordens der Wachsamkeit betreiben. Die Nonnen stellen auf dem Gut Keramiken her. Im Kloster trifft er auf die Nonne Clare O’Connor, die früher durch kleinere Delikte aufgefallen ist. Thompson will ihr im Gegenzug zu Informationen zur Flucht verhelfen, wird jedoch nach ihrem Treffen von einer maskierten Gestalt in einem Taufbecken im Kloster ertränkt. O’Connor flieht in einer Touristengruppe aus dem Kloster in das Whiteheart Hotel, in dem auch Thompson abgestiegen war.

Nach dem Verschwinden seines Inspectors und einem erneuten Banküberfall beginnt Superintendent Cooper Smith ebenfalls zu ermitteln. In Emberday Hall versichern die Oberin und die Familie Emberday, bestehend aus Lady Livia, ihrem verrückten Sohn Luke und ihrer Tochter Trudy, einer Fotografin, Inspector Thompson nicht gesehen zu haben. Skeptisch über die Rollen der Familie und der Nonnen, nimmt sich auch Smith ein Zimmer im Whiteheart Hotel. Die Rezeptionistin Polly versichert Smith jedoch, ihn nicht gesehen zu haben.

Währenddessen plant die Familie Emberday die Beerdigung eines Verwandten aus Monte Carlo. Dieser entpuppt sich als der Bankräuber Clossen, der auf Betreiben des Ordens und der Familie aus der Schweiz nach England überführt wird. Die Familie und der Orden sind für die Raubüberfälle verantwortlich, die Nonnen verstecken das Diebesgut in den im Kloster hergestellten Vasen. Gemeinsam planen sie ihren letzten Überfall, um sich danach im Ausland abzusetzen.

Schließlich wird Thompson tot in der Themse im Londoner Stadtteil Wapping aufgefunden. Gleichzeitig wird die geflohene Clare O’Connor in der Badewanne ihres Zimmers im Whiteheart Hotel von derselben maskierten Gestalt, die Thompson ermordet hat, ertränkt. Smith findet heraus, dass O’Connor Nonne gewesen ist, und befragt hierzu den Leiter und Treuhänder des Klosters, Hubert Hamlyn, im Lagerhaus des Klosters in der Nähe des Fundorts von Thompsons Leiche. Hamlyn leugnet jedoch O’Connors Ordensmitgliedschaft. Später lässt Smith das Lagerhaus durchsuchen. Die Durchsuchung des Klosters scheitert jedoch an der Ehrbarkeit und dem Ruf der Nonnen, da diese nur scheinbar harmlose Keramiken herstellen.

Zwischenzeitlich überfallen die Nonnen und ihre als Polizisten verkleideten Komplizen die Bank in der Hencher Street und erbeuten eine Million Pfund in Goldbarren. Die Angestellten werden mit einem Giftgas getötet. Mit einer Art Raketenwerfer öffnet Clossen den Tresor, die Komplizen der Nonnen werden im Goldtransporter auf dem Weg ins Kloster ermordet. Trudy und die Oberin ertränken Clossen später im Lagerhaus. Da das Lagerhaus von der Polizei beobachtet wird, fliehen die Oberin und Trudy mit einem Boot. Im Kloster lässt Lady Livia den ebenfalls geflohenen Hamlyn, der sich als Ehemann der Oberin herausstellt, von die Nonnen ermorden.

Nachdem feststeht, dass Thompson ermordet worden ist, durchsucht Smith ohne Erlaubnis das Kloster. Auch die Rezeptionistin Polly versucht, in das Kloster einzudringen, um Nachforschungen anzustellen. Hierbei trifft sie auf den verrückten Luke, der mit ihr spielen möchte und sie unbeabsichtigt in die Arme der Klostermitarbeiter treibt.

Im Kloster entdeckt Smith zunächst die Leiche Hamlyns. Nach einem Kampf mit einem Angestellten des Klosters findet er die Nonnen in der Keramikwerkstatt, in der sie bereits das Gold für die Vasen einschmelzen. Er wird jedoch überwältigt und gefangen genommen.

Zur gleichen Zeit versucht die maskierte Gestalt die inzwischen eingesperrte Polly zu töten, wird aber von Luke überrascht. Im Kampf kann er sie als seine Schwester Trudy enttarnen. Trudy hat sich verkleidet, da sie sich nie als Frau, sondern als Mann gefühlt hat. In ihrem Kampf zerstören Luke und Trudy die Keramikwerkstatt, bis Lady Livia Luke erschießt. Trudy bedroht Smith, der sich während des Kampfes befreit hat, daraufhin mit einem Revolver. Sie gesteht, dass sie Thompson und Clare O’Connor ermordet hat. Smith kann sie davon ablenken, ihn zu erschießen. Dadurch erschießt sie die Oberin, die daraufhin flüssiges Gold, das sie umfüllen wollte, auf Trudy verschüttet. Trudy stirbt an den Verbrennungen.

Nach der Festnahme der Nonnen und der schockierten Lady Livia holt Cooper Smith Polly ab und nimmt sie zur Frau.

Rezension, Teil 1

Eine Enttäuschung gibt es gleich zu Beginn, denn der Vorspann ist in Relation zum Rest des Films überlang geraten, wobei die von mir angeschaute Versionen etwa 4 Minuten kürzer ist als die Angabe in der Wikipedia. Das heißt in Wirklichkeit fehlen etwa zwei bis drei Minuten, aber immerhin gibt es die Zweiteilung: Erst die Credits der Produktion,  dann die ersten Eregnisse, nach etwa fünf Minuten der eigentliche Vorspann mit der Nennung der Darsteller*innen und des Stabes. Inklusive „Hier spricht Edgar Wallace“, den folgenden Einschüssen und den Buchstaben des Namens Edgar Wallace, die sich dann in den Ergebnissen der Maschinengewehrsalve zeigen. Der klassische Vorspann in seiner Endversion also letztlich doch.

Auch die Musik ist vergleichsweise konservativ trotz des alter Einsatz eines einzelnen rasselähnlichen Instruments und obwohl sie von Peter Thomas stammt. Wir sehen erneut, dass die britischen Produktionen traditioneller gemacht sind als die deutschen, selbst wenn sie von der Rialto kommen und somit Coproduktionen unter Einsatz vieler deutscher Mitwirkender sind.

Das Hamburger Abendblatt lobt in der Ausgabe vom 31. Dezember 1966 die Arbeit von Regisseur Cyril Frankel. Mit „schauspielerisch vorzüglicher Besetzung“ habe er den Film „geschickt ans Hochspannungsnetz der gehobenen Krimiklasse angeschlossen“.[1] Tom Hutchinson von der englischen RadioTimes lobt zwar den schwarzen Humor, kritisiert hingegen das Staraufgebot. Die Schauspieler würden „nur wirr herumlaufend enden, in der Hoffnung, von Regisseur Cyril Frankel Anweisungen zu erhalten“.[2] Das Filmecho zeigt sich im Januar 1967 erfreut über das Filmgeschehen und das Serienkonzept Wallace, das „formal und technisch“ sein „sauberes Format“ behalte. Man morde noch „mit Methode, hübsch im Detail und logisch der Reihe nach“.[3] (1)

Das Problem der eingangs zitierten kirchlichen Filmbewertungsstellen, so kann man die Kritiken von dieser Seite nennen, die damals sehr einflussreich waren, ist die überwiegend moralische und erst in zweiter Linie filmtechnische Perspektive – aber in dem Fall muss ich festhalten: Die erste Szene, auf die angespielt wird und in der Bank stattfindet, die überfallen wird, war m. E. kein Gastod, sondern eine Betäubungsaktion, ähnlich wie in vielen Edgar-Wallace-Filmen zuvor und mit einem Hint zu „Goldfinger“, weil etwas größer angelegt, bisher sah man vor allem in Autos aus irgendwelchen Gittern austretendes Gas. Außerdem erinnert die Bankszene visuell eher an die Gaseinsätze im Ersten Weltkrieg, der für die Briten der verlustreichste in ihrer Geschichte war. Die zweite allerdings, im Geldtransporter, hat es in sich. Sie kommt nicht nur überraschend, sondern gemahnt tatsächlich fatal an das Geschehen in den Gaskammern der KZs. Grundsätzlich ergibt es allerdings keinen moralischen Unterschied, auf welche Weise jemand genau ermordet wird.

Infos (1)

  • Das Geheimnis der weißen Nonne ist ein britischdeutscher Kriminalfilm (engl. Titel: The Trygon Factor), der auf Motiven des Romans Käthe und ihre Zehn (Originaltitel: Kate Plus Ten) von Edgar Wallace basiert. Der Film wurde von Rialto Film produziert und zwischen August und Oktober 1966 in London gedreht. Die Uraufführung des 27. Edgar-Wallace-Films der Nachkriegszeit fand am 16. Dezember 1966 im Passage-Kino in Saarbrücken statt.
  • Mitte 1965 wurde eine eigene Londoner Tochtergesellschaft der Rialto Film unter der Leitung von Ian Warren gegründet. Diese sollte Anfang 1966 diesen Film an Originalschauplätzen in London drehen. Ursprünglich wollte Rialto Film dort auch das Remake von „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ und den Edgar-Wallace-Film „Der Engel des Schreckens“ (engl. Titel: Angel of Terror) produzieren. Beide Projekte wurden nicht realisiert, nachdem die britische Rialto Film nach diesem Film ihre Produktion wieder einstellte.
  • Die Dreharbeiten fanden, wesentlich später als geplant, zwischen 15. August und 7. Oktober 1966 an Originalschauplätzen in London und Umgebung statt. Die Innenaufnahmen entstanden in den Shepperton Studios. Als Kulisse des Landgutes Emberday Hall diente das Gebäude der St. Mary‘s University, Strawberry Hill, im Stadtteil Twickenham im Südwesten Londons.[8]
  • Zunächst waren zum Teil andere Darsteller vorgesehen: Heinz Drache statt Stewart Granger, Maria Perschy bzw. Nadja Tiller statt Susan Hampshire, Marisa Mell statt Sophie Hardy, Elisabeth Flickenschildt statt Brigitte Horney, Wolfgang Kieling statt Robert Morley. Auch Harald Leipnitz und Klaus Kinski sollten ursprünglich darin mitwirken. Regie sollte zunächst Alfred Vohrer, später Alvin Rakoff führen.
  • Stewart Granger übernahm die Hauptrolle als Ersatz für den nicht verwirklichten Nachfolgefilm von „Old Surehand 1. Teil“, wodurch der dafür bereits abgeschlossene Vertrag erfüllt wurde. Susan Hampshire brachte der Film ihre erste große Hauptrolle.
  • Für die deutsche Fassung wurden drei alternative Szenen mit Siegfried Schürenberg als Sir John gedreht. In der englischsprachigen Originalfassung spielte James Robertson Justice diese Rolle. Ansonsten sind die beiden Fassungen, mit Ausnahme der Credits, identisch.
  • Eddi Arent nahm mit diesem Film Abschied von der Edgar-Wallace-Reihe. Er wirkte in insgesamt 23 Filmen der Serie mit. Als meistbeschäftigter Darsteller wurde er zu einer Art Maskottchen der Serie. Jahrelang als sympathischer comic relief eingesetzt, spielte er in seinen letzten vier Wallace-Filmen durchgängig negative Typen und starb jeweils den Filmtod.
  • Mit einem Produktionsvolumen von 4.000.000 DM war dies die teuerste Produktion der Edgar-Wallace-Filme.
  • Der Film wurde von der FSK ohne Kürzungsauflagen ab 16 Jahren freigegeben. Im Fernsehen und als Video wurde der Film zunächst in einer stark gekürzten Fassung veröffentlicht. Der dafür verwendeten Kopie fehlte ein kompletter Akt von etwa sieben Minuten Länge. 1991 folgte die Freigabe der gekürzten Version ab 12 Jahren. Inzwischen wurde der Film in der originalen Kinofassung veröffentlicht und ist wiederum ab 16 Jahren freigegeben.

Die von mir gesichtete Version ist ca. 4 Minuten kürzer als in der Wikipedia angegeben, das dürfte einerseits der Umstellung von 24 auf 25 Bilder pro Sekunde im Fernsehmodus geschuldet sein, zum anderen könnte es sein, dass doch einige besonders grausame Momente zwar nicht herausgekürzt, aber verkürzt wurden.

Rezension, Teil 2

Was jenseits des Gipfels die Entrüstung über die Geschmacklosigkeit hervorgerufen haben dürfte, sind ebenjene weißen Nonnen, die den deutschen Titel herausbilden. Im Grunde hätte er im Plural geschrieben werden müssen, denn alle Nonnen, die wir im Film sehen, teilen dasselbe Geheimnis.. Das Trygon spielt hingegen auf das Signet der drei Dreiecke auf dem Boden der Vasen an, die als Behälter für die Aufbewahrung von Beutegegenständen verwendet werden. Für den deutschen Verleih jener Jahre war das allerdings zu subtil. Die weißen Nonnen sind Mitglieder eines Ordens, der sich in einem alten Schloss eingemietet hat, in dem es schöne Wände in Pink und Blau gibt, gegliedert von teilweise und angeblich „frühromansichen“, in Stein gefassten Türen.

Die Visualität des Films weicht zwar stark von den „klassischen“ Produktionen der Reihe ab, schon deswegen, weil die intensiven Farben die Stimmung beeinflussen, aber das Filming ist recht ansprechend: Die Kamerperspektiven lassen alles sehr plastisch wirken, vor allem, wenn Figuren in Totalen gefilmt sind, wie sie hinter Gegenständen das Bild durchqueren und die Kamera sich dabei an jenen Gegenständen vorbei bewegt. „Das Geheimnis der weißen Nonne“ hat nicht ganz den Gruselfaktor der Vohrer-Wallaces in S-W, aber die Bande wird in der Tat als besonders grausam dargestellt – bis auf die sehr ambivalente Figur des Mr. Hamley, dargestellt von dem wunderbaren Robert Morley, der im Grunde jenseits aller Bewertungen steht: Erstens glaubt er an den guten Zweck des Ordens, zweitens weiß er sehr wohl von dessen wirklichem Zweck, drittens lehnt er Gewalt und Mord ab. Ein typischer Gangster der Sorte: Das Business mit den Vermögensdelikten sollte keine Kapitalverbrechen einschließen. Mit diesem Spin werden auch viele Heist-Movies, die aus der Perspektive der Verbrecher gefilmt sind, für das Publikum so gestaltet, dass es sich mit den findigen Räubern identifizieren und deren überwiegendes Scheitern bedauern kann.

Der Einstieg des Films: Eine der Nonnen will einem Mann etwas mitteilen, der sich später als Polizist in Zivil herausstellt – da wird dieser umgebracht. Die offenbar verräterische Nonne, deren man ebenfalls habhaft werden möchte, kann jedoch mit einer Touristengruppe fliehen, die das Schloss besichtigt hat. Überhaupt eine urkapitalistische Organisation, wie das Anwesen hier maximal kommerziell verwertet wird: Oberirdisch Führungen, im Keller eine Keramikwerkstatt, die in Wirklichkeit als Umschlagplatz für wertvolles Diebesgut in Form von Edelsteinen oder Goldklumpen dient.

Wir erinnern uns, in „Der Bucklige von Soho“ war es ein Mädchenpensionat, gleichermaßen die Sexwelle ankündigend wie die Fetischwelle der späten 1960er, hier ist es ein Nonnenkloster mit überwiegend jungen, hübschen Frauen in Weiß, von denen man eine in „moderner Unterwäsche“ sieht. Das Setting dürfte auch ein (weiterer) Grund sein, warum sich die kirchliche Kritik besonders erbost zeigte. Falsche Mönche und Reverends, die sich als Bordellmanager herausstellen, sind eine Sache, aber eine ganze Institution, ein Kollektiv, das sich dem Verbrechen unter dem Deckmantel einer kirchlichen Einrichtung widmet, das ging zu weit – obwohl die Sklavenarbeit der jungen Frauen dieses Mal nicht so schweißtreibend wirkt wie in der Wäscherei des Mädchenpensionats. Dafür ist die Motivation der Frauen schwieriger zu ermitteln: Die meisten kamen doch wohl mit ursprünglich guten Absichen – und wurden dann alle „gedreht“?

Alsbald sehen wir viele bekannte bis sehr bekannte Gesichter: Aus der Wallace-Familie Siegfried Schürenberg als Sir John von Scotland Yard, Eddi Arent, dann Brigitte Horney, sie setzt die Tradition fort, dass weibliche Ufa-Stars in den Wallace-Filmen als die ältere Generation eingesetzt werden. Stewart Granger hätte ich in einem Wallace-Film eher nicht vermutet, warum er hier einen Superintendenten, also einen recht ranghohen Polizisten, spielt, erklärt sich aber aus den obigen Infos. Die größte Überraschung war Robert Morley, der jeden Film schmückt, in dem er auftritt. In der englischen Fassung wurde Sir John überdies von James Robertson Justice gespielt, der, ebenso wie Morley, in den Klutverfilmungen von Agatha Christies Miss Marple mit Margaret Rutherford zu sehen war.

Stewart Granger beeindruckt eine Hotelrezeptionistin, indem er nicht nur seine Heimatsprache, sondern auch ein paar Worte Französisch spricht. Das waren Zeiten, als man damit für polygott galt. Schade eigentlich, dass die Zeiten sich so geändert haben, aber Granger ist auch der eindeutigste Macho unter den männlichen Hauptdarstellern aller Wallace-Filme, zumal diese Attitüde in „Das Geheimnis“ herausgehoben wird und dies wird noch eine Bedeutung erhalten. „Kann seine Arroganz wieder mal nicht verstecken“, hatte ich während des Anschauens jenes 27. Edgar-Wallace-Films notiert.

Mit ihm wechselt die Szenerie in ein Hotel und vom Pink und Blau zum Organe. Die Farbgebung im Schloss ist übrigens mega-subtil, aber das ahnt man nicht sogleich: Sie steht für ein Spiel der Geschlechter, dabei geht es um einen Tausch. Zunächst sehen wir nur einen Teil, nämlich die Maskerade eines sehr weiblich wirkenden Schlosserben, der sich gerne verkleidet und Blüten köpft.

Etwas später sehen wir im Hotel eine Mordszene, die beinahe witzig wirkt, weil die „maskierte Gestalt“ einige Mühe hat, die ausgerückte Nonne in der Badewanne zu ertränken, sie schafft es aber und auch die Fliesen dieser Wanne sind blau; gesteigert wird der humoristische Effekt dadurch, dass nebenan die Rezeptionistin in aller Ruhe badet und fast bis zum Schluss nichts mitbekommt.

Eddi Arent erweis sich als lebender Scheintoter, der sich aus einem Sarg wuchtet, wobei sich nicht so recht erschließt, warum. Vermutlich hat man ihn so eingeschmuggelt, den innovativn Safeknacker. Man weiß auf der Polizei zwar, dass es mit diesem Schloss etwas auf sich hat, der Superintendent mit der statuarischen Nase riecht es förmlich, aber die Indizien reichen nicht aus für einen Durchsuchungsbeschluss, schon gar nicht, wenn es sich um ein Kloser handelt! Die süße Rezeptionistin bietet sich an, underdover zu gehen und ins Kloster einzutreten. Ich hätte sofort zugestimmt, nur der Erfolg zählt, aber der Gentleman und Macho der alten Schule mag die Frau nicht in Gefahr in bringen, obwohl der Zweck des Klosters doch schließlich von einem Herrn Steinwald geprägt wurde: Freundschaft und Weltfrieden. Hamlyn, der Sukzessor des Gründers, glaubt ja auch irgendwie auf eine schräge Weise daran, wie wir wissen. Einen Bruch gibt es dadurch, dass S. auf mysteriöse Weise plötzlich umkam, aber der Safeknacker aus der Schweiz anreist. Vielleicht wollte man auch S. beerdigen. Wollen wir nicht zu sehr darin herumstochern, sonst muss ich den Film nochmal anschauen. Ich glaube, die französische Rezeptionsdame, die als im Hotel jobbt, um sich einen reichen Engländer zu angeln, wird doch noch ins Kloster gehen. Manchmal sind auch die Dialoge zwischen ihr und dem Superintendent ganz witzig.

Sie: „Sie sind doch sicher nur hier, um mir Fragen zu stellen.“
Er: „Nein, ich bin gekommen um sie zum Essen einzuladen und Ihnen ein paar Fragen zu stellen.“

Was immer man von Stewart Granger hält, der als besonders schwieriger Typ galt und nicht als der beste Schauspieler unter den Leading Man der 1950er – er kann das durchaus darstellen, wie man schon in „Scaramouche“ (1952) sehen konnte. für ist „Scaramouche, der galante Marquis“, wie er auf Deutsch heißt, einer der besten Mantel- und Degenfilme, mit seiner Mischung aus farbenprächtigem Abenteuer, Romantik, Drama und Humor.

Der Banküberfall ist leider kein Höhepunkt – bis die Feuerwerkskanone ins Spiel kommt, die in beide Richtungen schießt und ihrem Erfinder, also Eddi Arent, einiges an Schweiß kostet, bis er damit die dicke Stahltür des Banktresors zerschossen hat. Solche Momente erinnern dann doch wieder an den skurrilen Humor der früheren Wallace-Filme. Es geht aber um nicht weniger als 40 Goldbarren im Wert von einer Million Pfund Sterling, dafür lohnt sich auch zweimaliges Nachladen der Höllenmaschine und dann klappt es fast unvermutet. Im Wege des Überfalls eine für mich unlogische Stelle: Spannend, aber warum wartet man mit dem Abtransport des Goldes darauf, dass ein Bobby, der mit einem der falschen Wachleute des Geldtransporter spricht, mit der Konversation fertig ist und die Szene verlässt? Diese Transporte sind doch Routine. Vielleicht aber, weil doch viel mehr transportiert wird als üblich.

Ich führe verspätet die Tochter der Schlossherrin ein, die ein wenig wirkt, als ob ihr der Superintendent gefiele. Sie ist Fotografin, steckt aber auch in der Bande mit drin, Family Business eben und dann kommt die schreckliche Gasszene im Geldtransporter, die Leichen schmeißt man dann einfach in den Fluss. Vielleicht hat man da auch ein wenig geschnitten, jedenfalls verschwindet im Anschluss der Geldtransporter in einem großen Lastwagen. Wo habe ich sowas schon gesehen und was ist das Orginal und in welchem Film handelt es sich um ein Plagiat? So recht kommt die Polizeit nicht weiter, durchsucht umsonst Hamlyns Lagerhaus, weil die Leiche des o. e. Inspektors dort in der Nähe gefunden wurde. Aber auch Hamlyn wird umgebracht – von der Oberin und der Tochter der Schlossherrin. Immer noch kein Durchsuchungspapier fürs Schloss, also geht nun die Rezeptionistin doch – auf eigene Faust, so wirkt es – dorthin, wird aber gleich von dem seltsamen jungen Mann abgefnagen, der sich gerne fantasievoll verkleidet (ist er der Mörder mit der Maske?). Und den Stewart Granger könnte man ruhig mal beim Aussteigen aus dem Auto in der Totalen zeigen, sodass der James-Bond-Aston-Martin mal im Ganzen zu sehen ist. Vielleicht hat man das auch gemacht und es dann herausgeschnitten, weil man nicht sicher war, ob das Publikum es als Persiflage oder als „Bond für Arme“ empfindet. Dafür führt er eine zünftige Schlägerei mit einem typischen Faktotum aus, wie es in Wallace-Filmen häufig anzutreffen ist. Jenes Faktotum haut feste auf die Steinwand des Schlosskellers, weil der Polizist sich zur Seite bewegt und dem Schlag ausweichen kann. Das muss doch weh getan haben, aber kein Ton kommt über die Lippen des grobschlächtigen Kerls. Aber man merkt schon, dass es kein überwiegend deutscher Film ist, die Kampfszene wirkt relativ echt. Ein Sarg bringt den Typ zur Strecke, der Sarg öffnet sich, Hamlyn ist drin und Granger staunt und das Finale in der Werkstatt folgt, die junge Französin überlebt einen Angriff der Maske und nun kommt ans Tageslicht, um wen es sich handelt, daher lösen wir jetzt auch die Tochter des Hauses auf, denn sie, niemand anderes, verbirgt sich hinter diesem männlich wirkenden Gesicht.

Finale

Schade, dass die Wallace-Filme nicht die Zeit und Subitlität haben, richtig Psycho-Terror zu machen, denn die Verhältnisse im Schloss waren so: Der weichliche Schlosserbe war dem Vater nicht genehm, stattdessen wurde seine Tochter zum Tomboy und lernte die Männer hassen, außerdem hat sie ihrem Bruder immer die Spielsachen geklaut, so fing es an mit ihrer Dominanz, sie wurde rücksichtslos, er ein weinerliches Muttersöhnchen, von der Mutter allerdings nicht sehr geliebt, die ebenfalls zur Garde der verbrecherischen Frauen zählt. Alsbald stirbt die Tochter, mit gerade geschöpftem Gold übergossen. Da steckt mehr Potenzial drin, als der Film ausspielt. Ein Familienkonflikt mit vielen bekannten Motiven, aber im Zusammenhang mit der Tätigkeit der jungen Frau in der Bande auch spannend.

Jetzt haut der Polizist sogar die böse Oberin, irgendwie sind die Verhältnisse doch wiederhergestellt. Die Tochter des  Hauses bedroht Superintendent Cooper Smith mit einer Pistole, er kann sie überwältigen – ein Schuss löst sich, die Oberin wird von einem Polizisten angeschossen, der Schöpflöffel entgleitet ihr und das 1063 Grad heiße Gold fließt auf die junge Frau. Dass die Oberin während solch einer Szene weiterareitet, seltsam. Vielleicht wegen der 1063 Grad. Bevor sie stirbt, bezeugt die junge Frau, welche gemordet hat, sie hasse diesen eitlen und arroganten Polizisten. Komisch, dass sie genau denkt wie ich weiter oben, besonders während der Rezeptionsszene. Irgendwie mag ich sie, trotz allem.

Am Schluss kriegt Cooper Smith einen Stuhl auf die Rübe, wie das nun noch gesehehen konnte, lassen wir hier weg – jedenfalls behauptet er, dies sei nicht die richtige Methode, sich einen englischen Ehemann zu angeln.

Der Film ist nicht schlechter gemacht als die meisten anderen der Reihe, die Handlung nicht weniger logisch, allerdings sind tatsächlich ein paar Brutalitäten drin, die deswegen so unangenehm wirken, weil man offenbar über die Assoziationen nicht nachgedacht hat, die durch sie ausgelöst werden. Das Gegenteil wollen wir mal nicht hoffen, obwohl in dem Film viele Andeutungen stecken, die man bei mehr Zeit und Konsequenz durchaus hätte verwenden können, um einen ungewöhnlich guten Edgar-Wallce-Krimi zu prodzieren. Eine interessante Mischung aus Howcatchem (die Bande) und Whodunit (die maskierte Person) ist es aber geworden.

Der Film war der teuerste der Edgar-Wallace-Reihe, hatte in Deutschland aber nur noch 1,7 Millionen Zuschauer. Ich weise gerne darauf hin, dass die Zahlen nicht mehr mit denen zu Beginn der 1960er vergleichbar sind, weil die Kinozuschauerzahlen allgemein während der 1960er stark rückläufig waren, doch ob Kino jenseits der Subventionen gemacht wird, hängt nun einmal davon ab, wie viele zahlende Menschen den Weg in die Säle finden. Bzw. hing damals ausschließlich davon ab, heute gibt es weitere Vermarktungsschienen. In den folgenden Jahren bis 1972 sollte der Zuspruch weiter nachlassen, was zur Einstellung der Reihe führte.

64/100

 © 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Begleitartikel „Special Edgar Wallace“ (Update)
Filmfest News 1 (beinhaltet das 2. Update zum „Special Edgar Wallace“ – vorliegender Artikel)
Filmfest News 2 (aktueller Stand des „Special Edgar Wallace“ und weiterer Vortellungsrhythmus)
Filmfest News 3 (aktueller Stand des „Special Edgar Wallace“ und weitere Neuigkeiten)
FFA 61 Der Frosch mit der Maske
FFA 63 Der Rächer
FFA 65 Der grüne Bogenschütze
FFA 67 Die toten Augen von London
FFA 70 Der rote Kreis
FFA 72 Das Geheimnis der gelben Narzissen
FFA 74 Die seltsame Gräfin
FFA 76 Das Rätsel der roten Orchidee
FFA 78 Die Tür mit den sieben Schlössern
FFA 80 Das Gasthaus an der Themse
FFA 83 Die Bande des Schreckens
FFA 85 Der Zinker
FFA 88 Der schwarze Abt
FFA 91 Das indische Tuch
FFA 94 Der Hexer
FFA 97 Neues vom Hexer
FFA 102 Der Fälscher von London
FFA 107 Der unheimliche Mönch
FFA 112 Zimmer 13
FFA 117 Die Gruft mit dem Rätselschloss
FFA 122 Das Verrätertor
FFA 127 Der Fluch der gelben Schlange
FFA 132 Todestrommeln am großen Fluss
FFA 137 Sanders und das Schiff des Todes
FFA 142 Der Bucklige von Soho
FFA 147 Das Geheimnis der weißen Nonne (dieser Beitrag)

Regie Cyril Frankel
Drehbuch Derry Quinn
Stanley Munro
Produktion Horst Wendlandt
Preben Philipsen,
Ian Warren
Musik Peter Thomas
Kamera Harry Waxman
Schnitt Oswald Hafenrichter
Besetzung

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