Den Artikel der taz, auf dem wir heute einen eigenen Beitrag aufbauen, hat jemand auf Twitter als Munition gegen Greta Thunberg verwendet, die sich zum Beispiel für den Hambacher Forst interessiert. Er lautet „In vier Jahren ist alles weg“ und befasst sich mit der nordschwedischen Bergbaustadt Kiruna.
Der Whataboutsimus des Twitter-Nutzers, der diesen schon im Januar 2019 veröffentlichten Artikel eingebettet hat, geht etwa so: Warum prangert jemand die Abholzung von Wald an, aber nicht das Verschwinden einer ganzen Stadt im eigenen Land? Beides geschieht, weil fossile Rohstoffe abgebaut werden sollen. Letzteres werden sich auch viele Ostdeutsche fragen, denn immer noch weichen Ortschaften dem Braunkohletagebau. Trotzdem ist diese Einlassung ein unsinniger Whataboutismus.
Erstens hat niemand die Pflicht, sich um alles gleichermaßen zu kümmern, wobei dies nicht den Hinweis anderer ausschließt, dass die Fälle ähnlich liegen.
Ob die Sache bei einem Wald, der hundert Jahre braucht, um im Wege einer Ersatzaufforstung an anderer Stelle ähnliche Qualität zu erreichen und bei einer Stadt mit der Umsiedlung von Menschen gleich liegt, kann man sich gut fragen. Und erst die Artenvielfalt. Die ist in einem Ersatzwald nicht ohne weiteres wiederherzustellen. In einem neuen Ortsteil, wie hier im Beispiel Kiruna in Schweden, können hingegen die Menschen wieder wohnen, die den wegen des Erzabbaus abgerissenen Teil verlassen mussten. Sie werden sich eingewöhnen und ihre Milieus werden ähnlich sein wie zuvor, der Vorgang ist eben nicht mit dem Rausdrängen aus einer Millionenstadt gleichzusetzen, auch wenn sich das engere Umfeld und die eigene Wohnung verändern. Dass die neuen Wohnungen allerdings 40 Prozent mehr kosten sollen – schau an. Mietenwahnsinn überall. Nein, es ist nicht gerecht. Aber auch nicht das Hauptthema dieses Beitrags.
Uns hat eher getriggert, dass 2035 möglicherweise ganz Schluss ist. Das schwedische Erz ist essentiell für die europäische Schwerindustrie, wir lesen im taz-Beitrag, dass Schwedens Exporte 90 Prozent des EU-Verbrauchs ausmachen und 10 Prozent der schwedischen Exporte. Schweden hat pro Kopf ein höheres Exportvolumen als Deutschland. Das steht nicht in der Diskussion, weil Schweden aufgrund seiner wesentlich geringeren Einwohnerzahl trotzdem in Handelsstatistiken nicht auf den vorderen Plätzen zu finden ist – sofern diese nur die absoluten Zahlen zeigen.
Wir sehen also, neben der Umweltzerstörung, der Notwendigkeit, soziale Strukturen, gewohnte Umgebungen aufzulösen, alles der Wirtschaft unterzuordnen, auch, dass ebenjene auf fossilen Rohstoffen aufgebaute Wirtschaft an ihr Ende kommen wird.
Diese Erkenntnis ist einer der Gründe, warum wir Elektromobilität oder auch die Brennstoffzellenautos und was immer noch an möglichen Antrieben für Individualvehikel kommen mag, nicht als der Weisheit letzten Schluss ansehen. Neben dem Energieverbrauch für die Produktion, dem Platzverbrauch beim Betrieb etc., geht es auch darum, Ressourcen für wirklich Notwendiges zu bewahren. Wir sind leider dadurch geprägt, dass wir in unserer Jugend Bücher gelesen haben, die ein Ende vieler Rohstoffe viel früher vorausgesagt haben, als es wirklich eintreten wird. Man hatte damals nicht berücksichtigt, dass doch aufgrund verbesserter Technik immer weitere Vorkommen entdeckt und abgebaut werden können. Mit gigantischen Umweltkosten, wie beim Fracking, an das damals niemand dachte. Mit immer mehr Aufwand, der sich natürlich auch in den Preisen niederschlägt. Das ist aber kein sanfter Prozess. Solange der Bedarf gedeckt werden kann, werden die Preise, alle Folgekosten eingerechnet, die kapitalistische Ökonomie immer gerne rauslässt, zu niedrig sein. Und wenn es knapp wird, exponentiell ansteigen. Auch der Computer, an dem dieser Text entsteht, enthält seltene Rohstoffe, die nur deshalb ein solches Gerät bezahlbar halten, weil sie in Ländern abgebaut werden, in denen es um die Einkommen der sie erschließenden Menschen und die Sozialstandards nicht so doll bestellt ist. Und weil die Folgekosten dieses Konsums in die Zukunft und auf die Allgemeinheit, die Weltgemeinschaft, verlagert werden.
Nun aber was, wenn das Eisenerz ausgeht? Wenn Stahl plötzlich zur Mangelware wird? Nicht wegen sozialistischer Fehlplanungen, sondern schlicht, weil der Rohstoff dafür zur Neige geht? Es ist ähnlich wie bei der Klimakatastrophe: Weil der ganz große Knall noch nicht eingetreten ist und sich alles schleichend vollzieht, glauben viele Menschen, dies alles findet gar nicht statt. Solange sie noch in ihrer kleinen Welt leben können, ohne jeden Tag die Folgen der Veränderung körperlich zu spüren oder gar sich bestimmte Dinge nicht mehr leisten zu können, weil sie unbezahlbar werden. Auf uns übertragen: Weil die Rohstoffe, deren Ende man Anfang der 1970er schon für die frühen 2000er prognostiziert hat, immer noch zur Verfügung stehen, haben wir den enormen Ressourcenverbrauch erst einmal ad acta gelegt, wenn wir über wirtschaftliche Transformation nachdachten. Das ist ein großer Denkfehler. Denn in Relation zur Dauer der Menschheitsgeschichte ist die Verschiebung des „Fuel out“ und ähnlicher Effekte des überschießenden Rohstoffabbaus nach hinten nur ein Wimpernschlag. Und es ist eben nicht nur mit den Betriebsstoffen für die Mobilität getan.
Ob wir es wollen oder nicht und welchem Argument man auch immer hauptsächlich folgt: Dem CO²-Ausstoß und der Erderwärmung, der Erhaltung von sozialen und ökologischen Milieus oder der schlichten Logik, dass etwas, das nicht nachwächst, bei maximaler Ausbeutung in absehbarer Zeit zu Ende gehen muss – wir werden uns umzustellen haben. Selbst sauberes Wasser wird knapper, weil immer mehr Menschen sauberes Wasser brauchen und manche Gegenden trockener werden.
Die Umstellung wird bereits die mittlere Generation umfassen, mehr noch diejenigen, die jetzt im Alter von Greta Thunberg sind. Sie können den Alten die Schuld an dieser Misswirtschaft geben, die kurzsichtiger Kapitallogik folgt, das ist okay, Blitzableiter haben durchaus ihre Vorzüge, solange das Ganze nicht darin endet, dass man andere einfach umbringt. Die zu Recht Kritisierenden genießen sehr wohl schon jetzt die Annehmlichkeiten dieser fehlgeleiteten Wirtschaft. Das dürfen wir ihnen nicht vorwerfen, denn wer nimmt nicht gerne, was einfach da ist und was die Eltern anbieten – aber darauf hinweisen.
Wir werden letztlich unabhängig von irgendwelchen Zurechnungen und generationenübergreifend zusammenarbeiten und uns sehr viel Neues einfallen lassen müssen, um den Niedergang der Zivilisation aufzuhalten, große Not abzuwenden und – eine Begrenzung der Zahl von Menschen auf dieser Erde auf ein für sie erträgliches Maß so zu gestalten, dass es nicht zu Massakern größten Ausmaßes kommt. Die vielen Kriege, die in Wirklichkeit nicht um ethische Prinzipien, sondern um Rohstoffe und geostrategische Einflussnahme geführt werden, darf man getrost als im Moment noch begrenzte Ansätze zu einer Verkleinerung der Erdbevölkerung auf eine ebenso radikale wie traditionelle Weise ansehen. Natürlich sind es fast immer die Ärmeren, die dabei draufgehen.
Wer aber Klima denkt, muss konsumbegrenzende Transformation mitdenken, muss Krieg und Frieden ebenfalls in seine Überlegungen einbeziehen.
Wir sind überzeugt davon, dass ein Überleben für alle möglich ist – aber nicht, wenn die Ungleichheit auf der Welt weiterhin so extrem bleibt, wie sie derzeit ist. Und die noch nicht auf unserem Konsumniveau angekommenen Regionen „hochzuziehen“, kann dabei nicht die Lösung sein, sondern, dass wir uns einschränken. We had our Share, könnten die Älteren sagen und mal etwas weniger auf Verschleiß fahren – und die Jüngeren, so hoffen wir wenigstens, sind eher bereit, mit Veränderungen zu leben, sie auch zu anzustoßen, sie aktiv zu gestalten. Wir sehen diese Bereitschaft hin und wieder. Zum Beispiel daran, dass das Auto für jüngere Menschen, die einen guten Bildungshintergrund vorweisen können, zumindest in Städten nicht mehr so wichtig ist.
Gut so. Selbstverständlich wird es die Wirtschaftsleistung negativ beeinflussen, wenn alle so denken. Wir haben durchaus Furcht vor dem weiteren Sozialabbau, den eine geringere Wirtschaftsleistung mit sich bringen kann. Die vielen schönen Projekte, die dafür sorgen, dass die Menschen, die sich mit sich und der Welt nicht mehr wohlfühlen, nicht komplett abdrehen! Was wäre dann damit?
Es muss aber nicht so kommen, wenn zunächst die gigantischen Vermögen am oberen Rand endlich abgeschöpft und daraus Mittel für die Konversion werden. Es wird auch bei einer nachhaltigeren Wirtschaft, die weniger emittiert und kaum noch fossile Rohstoffe benötigt, möglich sein, allen ein menschenwürdiges Leben zu sichern. Es könnte sogar passieren, dass nicht mehr so viel Gewalt und Diskriminierung und psychische Verletzungen auftreten, die enorme soziale Folgekosten verursachen und in Teilen dem überbordenden Konkurrenzdenken und absichtlich produzierten Ausschlüssen geschuldet sind.
Aber man muss an ein System heran, das einige wenige privilegiert, die nicht nur einfach reich und mächtig sind, sondern auch die Nutznießer der Ausbeutung der Erde. Diese Nutznießer wissen, was sie anrichten. Einige glauben trotzdem, sie könnten die Welt besser steuern als demokratisch installierte Kollektive, das ist eine Form von Größenwahn, dem Einhalt geboten werden muss. Andere spinnen schon darüber herum, die Erde zu verlassen, was sich natürlich nur eine klitzekleine Geldelite leisten könnte – wenn sie denn einen Planeten fände, auf dem sie leben könnte, ihn lebend zu erreichen und nicht in der Kunstwelt kleiner Raumstationen oder auf dem ziemlich unwirtlichen Mond gefangen sein will.
Für die Erde und die meisten von uns wäre diese Art von Emigration eine super Sache, weil diejenigen, die dem Planeten am meisten schaden, weg wären – aber machen wir uns nichts vor: Es gibt immer wieder Menschen, die nach Macht und übermäßigem Besitz streben. Selbstverständlich hat jeder, der konsumiert, eine Verantwortung, aber die ökologische Transformation der Wirtschaft kommt vor allem deswegen nicht voran, weil diejenigen, die über fast alle Ressourcen privat verfügen, gar kein Interesse daran haben, dass sich etwas ändert. Ganz im Gegenteil, sie tun aktiv alles, um es zu verhindern. Nicht, weil sie die Erde wirklich verlassen könnten, wenn sie von ihnen ausgeschlachtet wurde, sondern, weil sie glauben, sie seien aufgrund ihrer persönlichen Möglichkeiten generell unverletzbar. Letztlich, weil zu viele Mittel das Denkvermögen infantilisieren, den gnadenlosen Egoismus fördern, vor allem wenn sie leistungslos zustandegekommen sind.
Selbstverständlich ist es ein gewollter Spin, vom Erz aus Kiruna auf den Hauptwiderspruch zu kommen, aber die Logik ist nun einmal zwingend. Wir schreiben nicht gerne, ein Umdenken ist alternativlos, weil das Wort von einer Politikerin erschaffen bzw. weit verbreitet und sogleich verbrannt wurde, indem sie es zielsicher auf die falschen Tatbestände angewendet hat – und weil es unterschiedliche Modelle gibt, wie dieses Umdenken in Aktion und Progress umgesetzt werden kann. Gemeinwohlorientierung ist zum Beispiel für uns ein wichtiger Schritt dorthin, weil es eine größere Perspektive als den Eigennutz eröffnet, was wiederum Voraussetzung für ein wirklich globales Bewusstsein ist.
Aber Umdenken ist alternativlos, wenn wir überleben wollen. Das mag auf Menschen, die den Freiheitsbegriff rein egozentrisch deuten, so, dass es ihnen erlaubt sein soll, wirklich jeden Mist tun und lassen zu dürfen, nicht sehr demokratisch wirken, ist es aber gerade: Denn in Wirklichkeit ist die Freiheit weniger, unendlich viel verbrauchen und besitzen zu dürfen, nicht demokratisch, sondern neofeudalistisch. Der ältere Feudalismus fand wenigstens noch unter der Ägide einer nicht überbelasteten Welt statt, das ist beim neoliberalen Neufeudalismus nicht der Fall, deswegen ist er nicht nur ausbeuterisch, sondern fürs Ganze hoch schädlich.
Dieser Feudalismus hat auch einen Spin, der von vielen Medien und Politiker*innen freundlichst bedient wird und dem wir unseren jederzeit und mit jeder Berechtigung entgegensetzen können: Nämlich alle „unten“ gegeneinander mit vielfältigen Mitteln und Manipulationen auszuspielen, um oben ungeniert herrschen zu dürfen. Wenn zum Beispiel die übelsten Börsenspekulanten der 1980er sich zu Philanthropen der 2010er wandeln, dazu noch, ohne von der Aura her geläutert zu wirken, schauen wir schon etwas genauer hin, welche Folgen ihr Tun wirklich hat – und sind nach der Analyse nicht überzeugt davon, dass es menschenfreundlich ist.
Menschenfreundlich in dem Sinn, dass es hilft, die Erde für uns alle zu bewahren und jeden von uns an seinem Platz in sein Recht zu setzen, ihm sein gerechtes, auf Chancengleichheit gerichtetes Maß an Möglichkeiten und Teilhabe zu ermöglichen.
Vieles, was sich auf den ersten Blick so wunderbar ethisch hochwertig ausnimmt, hat nur ein Ziel: Die kapitalistische Verwertungskette, die mittlerweile sichtbare Probleme zeigt, am Laufen zu halten. Wenn man das nicht hinterfragt, hat man keine guten Voraussetzungen dafür, eine Mentalität zu entwickeln, die den notwendigen Wandel begrüßt und auch in bestimmten Einschränkungen Chancen und in Kooperationserfordernissen die wirkliche Gleichstellung sieht. Inklusive der Möglichkeit, sich zu vertiefen, sich zu erweitern, Mensch und erwachsen zu werden.
Die Digitalisierung, die Industrie 4.0, hat sich an den notwendigen Aspekten ökologischer Transformation auszurichten hat, nicht umgekehrt. Sie wird nicht verschwinden und das muss man als großartigen Moment der Geschichte begreifen: Wir bauen zwar mit uns und der Erde viel Mist, aber wir sind genau in diesem Moment, in dem wir das erkennen und umsteuern müssen, auch in der Lage, das wirklich zu tun. Wir können das Notwendige herstellen, ohne dafür schuften zu müssen wie die Bergleute in den Gruben von Kiruna oder die Vorfahren den Zechen des Ruhrgebiets. Nur das Übermaß muss weg und jene, die es für sich beanspruchen, müssen mehr in die Verantwortung genommen und in ihrem Handeln begrenzt werden. Auch um der Freiheit willen.
Und das schaffen wir. Das schaffen wir wirklich. Vor allem, wenn sich die Wetterkatastrophen und die Ressourcenklemmen so häufen, dass jeder merkt, wir müssen das schaffen. Let’s make Earth great again!
© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
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