Wir lassen uns das Essen liefern – und sind auf der gönnerhaften Seite. Wie Journalisten im Häppchenformat dilettieren und dabei Systemaffinität statt Kritik liefern / #Lieferando #Deliveroo #Kurierfahrer #Fahradkurier #Essenliefernlassen

Soziale Themen gibt es in Deutschland so viele, dass wir jeden Tag ein neues im Großen oder Kleinen behandeln könnten. Am 3. Juli bereits hatten wir den Podcast „5 Minuten Berlin“ (Dauer ca. 6 Minuten) vorgemerkt, der sich mit den Bedingungen bei den Essensausfahrern per Fahrrad befasst. Inzwischen hat sich mit Deliveroo eine große Kurierfirma fürs Meals on Wheels aus Deutschland zurückgezogen. Die Fahrer*innen, die im Regen stehen gelassen wurden, wollen eine selbstverwaltete Unternehmung gründen – viel Glück dabei wünschen wir ihnen!

Illegal Beschäftigte bei Berliner Essenslieferanten – Mehrere Berliner Start-ups sind inzwischen erfolgreiche Essenslieferanten in ganz Deutschland. Die Bedingungen für ihre Mitarbeiter sind schwierig.

So der Titel des Podcasts, der in der Rubrik „5 Minuten Berlin“ im Tagesspiegel erschien. Um es gleich zu schreiben. Podcats finden wir nervig, weil wir für eine fundierte Kommentierung den Text vor uns sehen müssen, aber seit Medienkritiker damit angeben, dass sie noch nie ein Buch gelesen haben, werden wir vermutlich den Trend zum faulen Hörerlebnis verstärkt verabreicht bekommen, ohne viel dagegen tun zu können. Das leitet uns aber auch zu einer Metakritik. In einem solchen Podcast sind sicher nicht viel weniger Worte enthalten als in einer kurzen geschriebenen Nachricht eines typischen Berliner Leitmediums.

Aber: Man kann eben nicht nochmal drüberschauen, sich einzelne Punkte herausgreifen, sondern muss aus dem Gedächtnis kommentieren oder quasi wie bei einem Diktat arbeiten. Das ist kognitiv eine andere Hausnummer. Gewollt? Außerdem: Der Ton spielt eine Rolle. Beim Geschriebenen natürlich der Stil. Aber wenn der Stil einigermaßen sachlich gehalten und informatorisch ist, dann kann man ihn mit eigenen Empfindungen besser routen, als wenn man zum Beispiel diese chillige Art hört, in der sich die beiden Tagesspiegel-Mitarbeitenden hier über eine Branche äußern, die als typischer Teil der Berliner Startup-Kultur gehypt wird – und gegen den wir uns in seiner derzeit üblichen Form strikt wenden, weil er nichts anderes tut, als die kapitalistische Verwertungskette wirklich bis in den letzten Winkel zu treiben, um alle, die daran teilhaben dürfen, so gut wie möglich auszuquetschen. Wir wollen lieber nicht wissen, wie viele Grünwähler*innen sich beim Essen bestellen per Lieferando & Co. denken: Cool, kommt alles ganz CO²-emissionsarm. So, wie wir morgens gemütlich in unsere Amtsstuben radeln. Voll öko!

Wir könnten wetten, dass die Selbstständigen, die hier für Lieferketten arbeiten, nicht auf den Mindestlohn kommen, aber das ganze Risiko allein tragen. Dass sie wiederum Unteraufträge vergeben können, bei den Bezahlungskonditionen, lässt darauf schließen, wie es den wirklich Ausführenden geht. Selbstständig darf sich jeder auch für einen oder zwei Euro pro Stunde ausbeuten, kein Problem. Die riskante Fahrweise der Fahrradkuriere sagt einiges darüber aus, wie versucht wird, das Letzte rauszuholen, um dann doch ein paar Cent mehr zu erwirtschaften. Delivery Hero heißt das Unternehmen, dessen Logo wir auf dem Bild, das es zum Podast immerhin gibt, zu sehen bekommen.

Das alles wird hier in einem netten Plauderton referiert, der auch textlich nicht die Bohne von Systemkritik sichtbar macht. Ja, in Frankreich, da gibt es sone Illegale, die auf eigenes Totalrisiko in die Pedale treten. Wenn sie einen Unfall haben, was passiert dann eigentlich? Erfahren wir nicht. Bei uns so? Na, vielleicht, so ein paar, wer weiß das schon so genau. Bei Lieferando sind sie aber sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Wir sind jetzt doch zum zweiten Anhören nochmal kurz vor dem Ende eingestiegen: „Sollte man eigentlich bei diesen Essenslieferanten bestellen? – Tja, äh – bisschen Trinkgeld geben wär nicht schlecht, weil, grundsätzlich ist die Bezahlung, ähm … naja, nicht so… – Wow, ich hab bei dem Thema gerade wieder Hunger gekriegt.“ (Sinngemäß wiedergegeben.)

So geht Basis-Journalismus im System fürs System: Soziale Ansprüche? Von Grund auf anständige Bezahlung? Absicherung im Krankheitsfall, Unfallversicherung? Endlich den arbeitsrechtlichen Wildwuchs der Startup- und der Plattform-Ökonomie mal grundsätzlich unter die Lupe nehmen und regulieren, damit ein normaler Arbeitsmarkt daraus wird? Dann auch höhere Preise für den Komfort, sich das Essen nach Hause bringen zu lassen? Die Folgekosten für die Bequemlichkeit tatsächlich selbst tragen? Oder gar sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass einige dieser Firmen nur deshalb existieren können, weil Ausbeutung zum Geschäftsprinzip gehört und gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten solche Klitschen sofort in die Pleite gehen lassen würden? Es handelt sich übrigens um Scheinselbstständigkeit, denn die Fahrer sind ja ein Unternehmen gebunden und haben nicht die freie Auftraggeberwahl. Auch das wird im Beitrag nicht erwähnt – vielleicht, weil Scheinselbstständigkeit immer so negativ klingt, wie sie tatsächlich ist: Eigene Verantwortung für alles, aber trotzdem Abhängigkeit von anderen.

Ach was, da denken wir doch gar nicht erst drüber nach – bisschen Tip reicht auch, um so einen Kurierfahrer voll happy zu machen.

Gönnerhaftes Darreichen milder Gaben, anstatt den Menschen Ansprüche auf faire Arbeitsbedingungen zuzugestehen.

Das Podcast-Format fördert Downsizing sozialer Probleme mit seinem Häppchen- und Beliebigkeitsduktus, wenn man es so ausführt, wie es hier der Tagesspiegel tut. Der Beitrag hat übrigens bis heute keinen einzigen Kommentar erhalten. Bei unserer Größenordnung ist das eine Sache, wenn Artikel mehrheitlich nur auf Twitter mal ein paar Likes oder sonstige Reaktionen bekommen, aber nicht auf der Webseite kommentiert werden. Beim Tagesspiegel, dem Leitmedium der Hauptstadt, merkt man daran: Hat niemanden gekratzt, das Schicksal der Fahrradkuriere, so, wie es hier aufbereitet wurde. Trinkgeld hilft gegen soziale Bauchschmerzen.

Guten Appetit!

TH

Dossier Kinder, Bildung, Erziehung, Wissenschaft

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