Rückkehr zu den Gelben Westen – Essay über ein „Interview zum Stand der Gilets Jaunes“ #Gelbwesten #GiletsJaunes #YellowVests

Bevor sie möglicherweise Geschichte sind, wollen wir uns wieder mit den Gelbwesten in Frankreich befassen, denn es ist ganz wichtig, darüber zu lesen, wie sie entstanden sind, wie sich der soziale Protest ausgedrückt hat, auch welche Aktionsformen er hervorbrachte – und wer sich daran beteiligte. Auf Deutschland lässt sich sozialer Protest, der woanders stattfindet, generell schwer übertragen, weil wir uns vieler Hinsicht für exzeptionell halten und uns auch so verhalten. Aber für uns beim Wahlberliner sind solche Beiträge wie „Interview zum Stand der Gilets Jaunes“ auch Dokumente, die ihren Wert für sich haben, unabhängig davon, ob man daraus Lehren ziehen kann.

Ursprünglich war nur ein Kommentar geplant, aber im Verlauf hat sich das Nachdenken über die Gelbwesten zu einem eigenständigeren Text entwickelt – der Umfang und der Duktus machen eine andere Einordnung notwendig und wir wählen daher die Beitragsklasse des Essays und stellen dies im Titel in den Vordergrund.

Greifen wir den Eingangssatz auf: „Bevor sie möglicherweise Geschichte sind“. Es wäre zu hoffen, dass der Protest weitergeht, oder?

Er geht auch weiter, aber bei uns sind die Medien längst wieder bei anderen Themen. Die französische Politik wird sich aber noch mit den Gilets Jaunes befassen müssen. Allerdings befürchten wir, dass der Bewegung doch die Puste ausgeht. Jetzt wird es langsam zum Nachteil, was viele anfangs als Bonus angesehen haben: Dass es keine Führungsfigur*en gibt, die alles binden und vorantreiben können.

Erstaunlich, dass sich in dieser langen Zeit, seit 9 Monaten, in unserem Zeitalter der medialen Instant-Kampagnen, niemand herauskristallisiert hat. Jetzt könnte man meinen, das sei typisch französisch, man ist antiautoritär und vertraut im Wesentlichen der eigenen Widerstandskraft, rennt nicht „Führern“ hinterher, zumal die Boches sowas gerne tun und damit gerne auf die Schnauze fallen – ist es aber nicht, wie „La France insoumise“ oder auch „En Marche“ zeigen. Auch der ehemalige FN, jetzt RN, ist sehr stark an die Le Pen-Familie gebunden. Niemals gäbe es in Deutschland eine Partei, die sich „Gaullisten“ nennt. Oh ja, es gab mal die Schill-Partei. Aber sie war eine regionale Ausnahme. Die französischen neuen Parteien tragen nicht die Namen ihrer Chefs, sind aber auf diese zugeschnitten und von ihnen initiiert worden, als politische Unterstützungsmodule für ebenjene Personen. Wir hätten erwartet, dass sich auch bei den Gelbwesten Ankerpersonen entwickeln.

Aber diese sind ja wirklich eine Graswurzelbewegung. Und manchmal ein wenig rechts.

Ich finde es immer schlimm, wenn Freunde in Deutschland ein paar Rechte, die sich hier eine Warnweste überziehen, als „Gelbwesten“ bezeichnen, also genau die Gleichsetzung vornehmen, die von diesen Fake-Gelbwesten gewollt ist. Ich frage mich, was passieren würde, wenn es sich die Rechten plötzlich einfallen lassen, die Friedenstaube oder gar die Regenbogenfahne …

Also, das würden sie nicht tun. Da käme es zu Zweifeln bei den eigenen Glaubensbrüdern.

Viele Rechte behaupten ja auch glatt und nur von mäßigem Widerspruch begleitet, sie seien prosemistisch. Das Interview gibt einen ausführlichen Einblick in den beherzten Kampf um die richtige, linke Richtung, der in Frankreich geführt wurde und da wird bei uns zu gedankenlos drüber hinweggegangen. Es ist eine Frage der Achtung vor dem Mut dieser Menschen, sich nicht foppen zu lassen und genau das zu tun, was die GW-Trolle beabsichtigen. Dass die Vertreter des Kapitals diese Chance wahrnehmen, versteht sich von selbst, aber Linke sollten das nicht tun. Auch nicht die sogenannten Gesellschaftslinken, die es nicht so mit der sozialen Ader haben. Salonlinke, hätte ich beinahe geschrieben. Diese können sich die Kämpfe in der Regel gar nicht vorstellen, die im Interview sehr greifbar werden. 

Wir sind doch hier auch mehr oder weniger Salonlinke.

Aber immer weniger, finde ich. Das ist ein Prozess, nicht statisch. Die aktivistische Entwicklung, die ohnehin voraussetzungsreich war, kam bei mir zum Erliegen aus Enttäuschung über die Partei, deren Mitglied ich weiter bin. Es hatte eine Zeit gedauert, bis ich mit dem #Mietenwahnsinn erneut ein Thema fand, mit dem ich mich identifizieren konnte.

Wenn die Mieterbewegung etwas mächtiger, einiger, entschlossener wäre, wären sie die deutschen Gelbwesten. Eines sind sie aber sicher nicht: Von rechts unterwandert. Das sehe ich überhaupt nicht, seit ich selbst ab und zu auf Veranstaltungen unterwegs bin. Das ist eine linke, jedenfalls sozial geprägte Sache, auch wenn bei manchen ein stark egoistischer Aspekt dabei ist. Einige benutzen die Solidarität der Aktivisten auch für einige Monate, bis sie ihr eigenes Ding durch haben und verschwinden dann von der Bildfläche. Das kann bei den Gelbwesten natürlich nicht passieren, weil es nicht zum den eigenen Arsch allein und vielleicht noch die Ärsche von 20, 30 Mitmenschen geht, sondern immer um Regierungshandeln, das die gesamte nichtkapitalistische Klasse mit negativen Folgen betrifft. Wir sind in Deutschland gar nicht so schlecht darin, uns selbst im Kleinen zu verkaufen, wir exportieren sozusagen unser persönliches Ding und manche industriellen Produkte gleichermaßen geschickt, aber das uns als kleines Zahnrad im Motor einer größeren Sache zu sehen, das ist ein bisschen schwieriger. 

Hat bei „Aufstehen“ schon gar nicht funktioniert.

Das war auch ein genau umgekehrter Fall. Oder ist. Das wäre eher ein „La France insoumise“-Nachbau geworden als eine hiesige Gelbwestenbewegung, wenn m an sich getraut hätte, die Partei DIE LINKE herauszufordern. Ich habe nie geglaubt, dass das gelingt. Nein. Ich habe geschrieben, es gelingt, wenn diese und jene Voraussetzung vorliegen würden. Wenn man Sahra Wagenknecht tatsächlich an die Spitze gestellt hätte, und zwar unabdingbar und so, dass jede Entscheidung für „Aufstehen“ eine Entscheidung für ihre Politik und sie als Person darstellt. Und: Wenn man der Bewegung ein Zentralthema gibt. Beides hat man nicht getan, sondern bei a.) den Schwanz eingezogen, um ein in dem Fall schräges Bild zu verwenden – und bei b.) einfach vollprogrammatisch weitermachen wollte, wo DIE LINKE aufhört,  nur ein bisschen mehr „sozial-und-pazifistisch-links“ und weniger „gesellschaftlich-links“. Das konnte niemals funktionieren.

Aber LFI war doch das Vorbild.

Was nützt ein Vorbild, wenn man es sich nicht zum Vorbild nimmt? Jean-Luc Mélenchon hat die PCF okkupiert und sie seiner Bewegung angepasst. Damit ist er in Wahlen gezogen und hat respaktabel abgeschnitten für einen kantigen kommuntaristischen Linken in unserer Zeit. Ich würde sogar sagen, hätte sein Erfolg einen richtigen Ruck ausgelöst, gäbe es die Gelbwestenewegung vielleicht gar nicht. Dass es sie gibt, drückt auch aus, dass man nicht Macron, nicht Le Pen, nicht irgendwem, also auch nicht Mélenchon zutraut, die basischen Interessen einer großen Zahl von Menschen zu vertreten. Die Gelbwesten ist für mich nicht nur eine Bewegung der mit Macron Unzufriedenen, sondern auch der von den Linken in Frankreich Enttäuschten.

Aber nochmal zurück zum dritten Aufstehen-Fehler: Jemand, der sich als Person hervorhebt, den man jedoch nicht exakt für das wählen kann, was er verkörpert, sondern nur als Teil einer Partei, in welcher die Person mit ihren Ansichten unter den Funktionären in der Minderheit ist, interessiert nur begrenzt. In Deutschland wohl noch mehr, weil wir nach dem Desaster mit einer Partei, die sich als Bewegung verstand, auf das austarierende, konsensorientierte parlamentarische System setzen. Zivilgesellschatlicher Protest flammt immer mal wieder auf …

Fridays for Future. Graswurzelbewegung. Dauerprotest. Ziviler Ungehorsam. Krass wichtiges Thema. Und eine eindeutige Führungsfigur und sogar deutsche Protagonist*innen wie Louisa Neubauer im nächsten Glied.

Das stimmt prinzipiell alles. Deswegen finde ich den Vergleich zur Friedensbewegung meiner Jugend auch passend. Oder mit der Anti-AKW-Bewegung. Beide überschnitten sich damals, bei FfF kann man darauf hoffen, dass sie das Soziale und das Pazifistische noch addieren können, dann wäre es die beste Bewegung seit langer Zeit. Seit mehr als einer Generation

Dann wäre sie ja doch multithematisch und die Gefahr bestünde, auszufransen. Da achten die Gelbwesten, so sehr sie auch dezentral sind, sehr darauf, dass ihnen das nicht passiert. 

Der soziale Protest denkt, das andere automatisch mit, weil mehr Respekt vor arbeitenden Menschen immer auch beine Bändigung des Kapitalismus, der Ausbeutung und eine Verbesserung der Möglichkeiten auch  zu ökologisch korrektem Verhalten bedeutet. Mit 16, meist aus Mittelstandsfamilien kommend, noch nie mit eigenen materiellen Sorgen konfrontiert, kommt man aus einer anderen Welt. Es sei denn, es geht zuhause wirklich sehr politisch zu, aber das tut es bei den meisten nicht. Nicht in dem Sinne, dass die Eltern etwas von Systemkritik verstehen oder sie gar vorleben.

Dafür hat man dieses jugendliche Feuer und wie man von sich selbst noch verzaubert ist, wenn man sich für etwas einsetzt, das außerhalb des engsten eigenen Kreises liegt, das ist schon was Schönes. Das ist eine tolle Zeit, aber wenn FfF nicht sozial und pazifistisch ist, besteht die Gefahr, dass es von den Kapitalisten instrumentalisiert wird. Grün sein, ohne die weltweite Ausbeutung als einen der Hauptgründe für ein auf Verschleiß ausgerichtetes System zu erkennen, heißt, ein Richtfest fürs Klima mit bunt bebändertem Baum zu feiern, ohne dass ein systemanalytischer Unterbau vorhanden ist.

Man sieht schon wunderbare Ansätze und auch grässliche Ansätze. Um es klar zu sagen, Ex-Präsident Obama und Greta Thunberg sind für mich kein „Team“. Das ist billiges Ranschmeißen von jemandem, der zwar innenpolitisch kein Vergleich zu Trump war, sondern ein bisschen was außer Spaltung bewirkt hat (es gibt andere Meinungen, da wird das, was er erreicht hat, sogar als Grund für einen Nachfolger Trump angesehen, aber das ist ein anderes Thema), jedoch außenpolitisch. Es wurde und wird immer schlimmer und wie soll eine ökologische Wende unter solchen rüden gierkapitalistischen Voraussetzungen gelingen? Wie, in einer Zeit, in der immer mehr Länder in den offenen Kampf um die begrenzten Ressourcen hineingezogen werden, anstatt dass man sich einigt und sagt, dies und das ist so halbwegs oder besser als zuvor und wir fahren unseren Imperialismus mal etwas zurück, weil wir auch darauf angewiesen sind, dass dieser Steinhaufen namens Erde uns nicht um die Ohren fliegt. 

Eine solche Richtung nehmen die Gelbwesten aber auch nicht.

Siehe oben: Man kann den Kapitalismus sehr wohl grün anstreichen, man kann ihm sogar damit nochmal einen Kick geben, weil Bioprodukte die allfälligen Allokationsprobleme für eine Weile dämpfen könnten. Aber sozialer Protest ist immer gegen Oben gerichtet und damit gegen den Kapitalismus-Imperialismus. Die Gelbwesten müssen nicht beweisen, dass sie die Internationale singen können, aber die Grünen von  heute müssen mal endlich zeigen, dass sie Transformation denken können.

Das Interview ist ja schon einige Monate alt. Darin geht es um den Kapitalismus. Es ist gleich, ob das französische, das europäische oder, ich übertrage das nun, das Weltkapital versucht, die Menschen noch mehr auszubeuten. Wenn die Mehrheit der Gilets Jaunes das begriffen hat, werden die Menschen auch nicht über den Rhein schielen, ob dort wieder zu viel exportiert oder zu sehr austerisiert wird, sondern darauf, wie die eigenen Politiker und Industriellen uralte Aversionen ausnutzen, um heute noch und vermehr wieder Politik damit zu machen. Der letzte französische Präsident, der noch vom Versöhnungsgeist der Nachkriegszeit beseelt war, war ausgerechnet der Konservative Valery Giscard d’Estaing.

Frankreichs Politik ist fundamental nach- und neokolonialistisch, im Grunde retardiert, aber viele andere machen es bloß nicht so offen wie die französische Regierung. Deutschland hat andere Wege gefunden, sich dem allgemeinen neoliberalen Imperialismus anzuschließen. Bei uns kann man nicht mehr mit Militärparaden und sowas die Leute verzücken. Also powert man wirtschaftlich sehr einseitig und brüstert sich, federführend beteiligt an der Verfassung und dem Abschluss asymmetrischen Handelsabkommen zu sein, die den Süden ausbeuten und außerdem den Konzernen immer mehr Macht geben. Wie kann ein normaler, demokratisch erzogener Mensch sich dafür aussprechen, dass Konzerne und Regierungen ihren Kram ohne jede Kontrolle durch Parlamente bzw. wenigstens durch Parlamente, mit sogenannten Schiedsgerichten auskungeln können? Zu wessen Lasten wird das am Ende wohl gehen? Wir müssen nicht dreimal raten.

Das Unbehagen über die ständigen Versuche der nationalen Regierungen unter Verwendung der EU als instituioneller, aber leider nur vorgeblich ideeller Basis führt in manchen Länder zum Rechtsdrall, auch in Frankreich natürlich – aber auch zu jenem Aufstand der Gelbwesten, der von unten kommt.  Damit die Regierungen und die Konzerne wenigstens hin und wieder merken, das Volk ist auch noch da, ziehen sich Menschen die Warnwesten über, die sie ohnehin in ihren Autos mitführen müssen, um in Alarmsituationen weithin erkennbar zu sein. Und so machen sie sozialen Alarm.

Und werden niedergeprügelt.

Das ist der übelste Aspekt von allen. Die polizeilichen Übergriffe gegen die Gelbwesten sind ein Wahnsinn. Da schützen Menschen das Kapital mit roher Gewalt, die zu 90 Prozent mehr gemeinsame Interessen mit denen haben, gegen die sie vorgehen. Wie bei uns, wenn zwangsgeräumt wird, wenn Rechte beschützt werden vor bösen Gegendemonstranten. Es ist alles dieselbe, dunkelbraune Soße, die angerührt wird. Die Dimension ist nicht identisch, wohl aber die politische Aussage. Die Medien bei uns haben geradezu widerwillig von den Aggressionen der französischen Polizei berichtet und sich lieber auf Hongkong oder Russland oder wen auch immer konzentriert, wo die Regierungen, gegen die demonstriert wird, einen passenderen Gegner abgeben. Aber nichts, was dort passiert ist, hatte bisher die Ausmaße der französischen Polizeigewalt. Vor allem die Permanenz, mit der gegen die Menschen mit gelben Westen vorgegangen wird, ist derzeit weltweit einmalig für Länder, die sich demokratisch nennen und in denen kein Krieg herrscht.

Aber Macron, das ist ja ein liberaler, hoffnungsvoller, das Projekt Europa anschiebender Partner, der von unseren Medien teilweise gehypt wird, als sei er der Messias, der den in Uneinigkeit und Ratlosigkeit feststeckenden EU-Karren mit einem Zauberspruch wieder ins Laufen kriegt.  

Dieser neue Stern unter 13 Sternen! Dessen Vorgehen kann man doch nicht – doch! Kann man und muss man! Gerade deshalb, weil hier ein europäisches Kernland bzw. dessen Regierung ihre hässliche Seite zeigt. Es ist einer alten Demokratie unwürdig, was dort passiert. Und ist nicht weit von uns weg. Noch weniger von meinem Geburtsort aus. Zweieinhalb Stunden mit dem TGV nach Paris und du bist mittendrin im Gewühl und auch in den Manipulationen, die man auf machen Videos sieht. Was in Berlin immer wieder im Kleinen zu sehen ist, hier ein paar Gewaltakte der Polizei, dort ein paar unberechtigte Festnahmen, hier werden Nazis geschützt und Linke nicht vor rechter Gewalt – dort kann man die nächste, die übernächste Stufe besichtigen. Die uns auch blühen kann, wenn wir ernsthaft auf die Idee kommen sollten, dem Kapital mal die Zähne zu zeigen. Aber gut, wir sind ja nicht so. Bis auf ein paar Daueranarchisten sind wir ja vorauseilend friedlich. Und passen ja auf, dass wir keinen Kratzer abkriegen. Ich stelle mir vor, bei uns wäre es schon zu mit Gummigeschossen entfernten Augäpfeln und dergleichen gekommen. Die Medien hätten es aufgegriffen. Nicht begeistert, aber sie hätten es nicht einfach totschweigen können. Nach ein paar Wochen wäre die imaginäre Bewegung, die ich vor Augen habe und die sich solche massive Gegenwehr des Kaptitals eingefangen hat, verschüchtert gewesen. Der Mut der Gelbwesten jedoch ist beispiellos in Europa.

Aber Berlin hat doch eine widerständige Tradition.

Wenn überhaupt, dann wird hier etwas passieren, das ist schon klar. Aber dann passiert es eben auch nur hier, nicht im Rest der Republik. Wie damals mit den Hausbesetzungen. Es gab ein paar weitere Großstädte, aber es war eine kleine Szene. Ich bin fasziniert, wenn ich die alten Fotos mit den Straßenbarrikaden und dem ganzen Auftrieb sehe. Aber es war auch viel Kraft aus Überschuss dabei, das muss man sagen: Links war eine Mode, war eine Perpetuierung des rebellischen Geistes der 68er, von denen ja viele auch noch dabei waren, die materielle Basis aber meist gesichert. Bei den Gelbwesten ist es anders. Es ist fundamentaler. Es ist offensiv aus der sozialen Defensive heraus. Es ist sehr ernst und es muss auch Verzweiflung in diesem Mut liegen.

Sind die Gelbwesten deshalb hier kein Vorbild, weil man es geschafft hat, sie rechts zu labeln?

Deswegen und weil wir eben nicht so sind wie die Franzosen. Man kann aber auch sagen, das kam einigen hier gerade recht, dass es diesen rechten Rand gab oder gibt, da können alle hier schön weiter die Füße auf den Tisch legen, anstatt zu sagen: Ein so großer Protest, der über Milieus hinausgeht, wie wir sie hier kennen und pflegen, kann nicht komplett homogen sein, aber lasst uns einfach, lasst uns endlich anfangen und dann schauen wir, dass wir die Falschen aussieben, die sich uns anschließen wollen. Auch wie man darum gekämpft hat, schon sehr früh sehr hellsichtig die Gefahren bemerkt hat, ist im Interview anschaulich dargestellt. Wie man eine Selbstreinigung im Gang hält, kann man daraus lernen, aber auch, dass es im Kampf gegen den Gierkapitalismus keine klinisch reine Sauberkeit der Positionen geben kann. Dieser Kampf spielt sich nicht in einem Reinraum 100.000 ab, sondern da draußen, auf dem weiten Feld des sozialen Rückschritts, wo die Frontlinien manchmal unübersichtlich, die Gräben tief, die Fallen zahlreich sind. 

Wenn man aber sang- und klanglos die Erzählung der Kapitalisten und der mit ihnen verbundenen Journalisten über die Gelbwesten übernimmt – dann hat man selbst keinen Sieg verdient. Dann hat man es eigentlich verdient, das bisschen, was man hat, unterm Arsch weggezogen zu bekommen. Wegen der großen Dummheit.

Der kleine antikapitalistische Kern wird das gerne lesen.

Wenn jemand aus der Ecke es liest, schönen Gruß, wir haben ja verstanden. Aber gehen wir deshalb in den Widerstand? Zwischen einem Leben am Rande des Mietenwahnsinns und einem Sich-derFreiheit-verschreiben besteht noch ein ziemlicher Unterschied. Das weiß ich und deswegen muss zum Scheiben hin und wieder etwas Frischluft-Protest kommen. Das klingt schon bürgerlich genug, aber es ist, wie es ist und alles hat Gründe in der Vergangenheit.

Wenn es hier eine originäre Bewegung à la Gelbwesten gäbe – würden wir an jedem Wochenende auf die Straße gehen, bei den „Actes“ dabei sein? Auch, wenn’s gefährlich wird?

Letzteres ist die verdammt gute Frage, die ich hier nicht beantworten kann. Mitgehen – ja. Aber wenn die Polizei anfängt zu knüppeln und zu schießen? Und um uns herum die ersten daliegen, blutüberströmt? Ganz offen, da müsste ich vorher einiges eingeschmissen haben, was den Fluchtreflex außer Kraft setzt. Und bin mir nicht sicher, ob ich so viel zu mir nehmen könnte, dass jener selbstschützende Reflex nicht doch siegen würde. Im Grunde vertrauen wir ja immer alle darauf, dass wir nicht totgeschlagen werden. Wer will schon tot sein? Aber wir könnten uns mal überlegen, ob wir nicht bald politisch vollkommen kaltgestellt werden, wenn wir nicht die Freiräume, die es noch gibt, mehr nutzen. Ich meine, die französischen Gelbwesten haben das getan und tun es noch. Das rechne ich ihnen aufs Höchste an.

TH

Dossier Kinder, Bildung, Erziehung, Wissenschaft

Dossier USA

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